Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Krisenregion Mittelmeer

Wenn die Europäische Union nicht zur Ordnungsmacht im „mare nostrum“ reift, muss sie noch jahrzehntelang Krisen und Chaos abwehren.
Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer
Foto: IMAGO/Simone Boccaccio (www.imago-images.de) | Europa kann nur dann in Frieden und Sicherheit leben, wenn das „mare nostrum“ befriedet und stabilisiert wird. Im Bild: Flüchtlingsboot aus Libyen auf dem Mittelmeer.

Der nächste Flüchtlingsdeal steht an: Nach der Türkei, Tunesien und Ägypten soll nun der Libanon EU-Gelder dafür erhalten, dass er Flüchtlinge von einer Reise übers Meer Richtung EU abhält. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält sich heute im Libanon auf, um mit dem Füllhorn europäischer Steuermittel ein Abkommen zu erwirken. Diesmal geht es darum, Zypern vor dem Ansturm syrischer Flüchtlinge zu bewahren. Tatsächlich sind seit Jahresbeginn etwa 4.000 Syrier aus dem Libanon kommend mit Booten an den zypriotischen Küsten gestrandet.

Lesen Sie auch:

Aus EU-Sicht hat sich insbesondere der Flüchtlingsdeal mit der Türkei durchaus bewährt: Auf dem Höhepunkt der Krise hatte die Türkei fast vier Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen; ihnen mit EU-Mitteln ein halbwegs menschenwürdiges Leben in Anatolien zu ermöglichen, scheint den europäischen Politikern bis heute sinnvoller und letztlich auch billiger, als sie in Europa aufzunehmen und zu integrieren. 

Niedergang an der Levante

Der kleine, weit fragilere Libanon ist seit 2011 mit einem Ansturm syrischer Flüchtlinge konfrontiert – und völlig überfordert. Warum also sollte die EU nicht in das Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen des Libanon investieren, um die syrischen Kriegsflüchtlinge an der Levante zu halten?

Klar ist aber auch, dass eine Milliarde Euro den Libanon weder stabilisieren noch zu alter Blüte führen wird. Das Land ist durch eine korrupte politische Klasse, einen Mangel an politischem Ethos und viele ausländische Einflüsse zerstört worden – und ökonomisch ein Fass ohne Boden. Dem Niedergang dieses einstmals blühenden Landes hat auch die EU zu lange tatenlos zugesehen.

Jetzt reagiert sie aus eigenem Interesse und eigener Not. Man versucht, mit den Krisen zu leben statt sie zu lösen. Mittelfristig jedoch wird man in Brüssel verstehen müssen, dass Europa nur dann in Frieden und Sicherheit leben kann, wenn das „mare nostrum“ befriedet und stabilisiert wird. Das aber wird den Staaten in Nahost und Nordafrika nicht ohne eine starke, ja dominante Ordnungsmacht Europa gelingen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Ursula von der Leyen

Weitere Artikel

Im Mittelpunkt des Programms steht die Freiheit. Die Partei selbst nimmt sich die Freiheit, von der Rückkehr an die Macht zu träumen.
08.05.2024, 17 Uhr
Sebastian Sasse
Xi Jinping braucht den europäischen Markt – und umgekehrt. Er weiß, dass die Europäer ihn im Krieg Putins gegen die Ukraine brauchen. Aber Putin selbst weiß das auch.
07.05.2024, 11 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Über Franken und Maulbronn nach Cîteaux: In den jahrhundertealten Fußstapfen der Zisterzienser erschließt der neue paneuropäische Wanderweg Cisterscapes faszinierende Kulturlandschaften .
25.05.2024, 18 Uhr
Wolfgang Hugo
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hofft auf Ständige Vertretung des Papstes in Peking. Franziskus beteuert Staats-Loyalität der chinesischen Katholiken.
25.05.2024, 12 Uhr
Giulio Nova
Ein Bild zeigt mehr als tausend Worte: Dieses Bildnis des großen Kirchenlehrers Thomas weist den Weg zu den zentralen Leitmotiven seines Denkens.
25.05.2024, 19 Uhr
Hanns-Gregor Nissing