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König Charles und die göttliche Gnade

Das britische Staatsoberhaupt erbittet vor dem US-Kongress Gottes Segen für das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten – und wird von Trump gelobt.
König Charles im US-Kongress
Foto: IMAGO / UPI Photo | Zum Ende seiner großen Rede ertönten Rufe von „Hear, hear!“ (Hört, hört!) und der Kongress erhob sich für mehr als eine Minute: Es war ein Moment für die Chroniken, als König Charles die Völker diesseits und jenseits ...

Bei den Schlussworten „God bless the US and the UK“ (Gott segne die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich) zum Ende seiner großen Rede ertönten Rufe von „Hear, hear!“ (Hört, hört!) und der Kongress erhob sich für mehr als eine Minute: Es war ein Moment für die Chroniken, als König Charles die Völker diesseits und jenseits des Atlantiks dem Segen Gottes empfahl.

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Eigentlich keine Überraschung: Der Monarch ist nicht nur Staats-, sondern auch weltliches Kirchenoberhaupt der Anglikaner. Diese Position als „Fidei Defensor“, als „Verteidiger des Glaubens“, entstand durch die Reformation unter Heinrich VIII. vor fast 500 Jahren. Der König ernennt auf Vorschlag Bischöfe, während der Erzbischof von Canterbury das geistliche Oberhaupt ist. Und das war in Person von Sarah Mullally gerade fast zeitgleich zur Papstaudienz in Rom. Was für ein Zeichen! 

Vergleiche mit der Haltung Trumps zu Fragen von Glaube und Religion

Das amerikanische Staatsoberhaupt war während der Königs-Rede im Kongress nicht zugegen. Dennoch evozierte die 30-minütige Ansprache Vergleiche mit der Haltung von Trump zu Fragen von Glaube und Religion. Während der Präsident immer wieder Gott an seiner Seite sieht und sich mit seinen Anhängern als Werkzeug Gottes darstellt, verweist der englische König auf eine Gnade, die von oben kommen muss. Er bildet damit auch die Hierarchie zweier Reiche ab, nämlich eines weltlichen Reichs, das zum göttlichen in einer gnadenbasierten Abhängigkeit steht.

Sein demonstrativ zur Schau getragener Glaube ist bei Trump keineswegs ein Spiegel historisch-politischer Verfasstheiten. Die amerikanische Verfassung von 1787 ist in ihrer Haltung zu Gott und Religion erstaunlich neutral. Der Text selbst enthält keinen einzigen expliziten Gottesbezug. Im Gegenteil: Der erste Verfassungszusatz verbietet die staatliche Etablierung einer Religion. Die Gründungsväter, viele von ihnen Deisten oder religiös zurückhaltend, schufen bewusst einen säkularen Staat. Einzig die Präambel der Unabhängigkeitserklärung von 1776, einer Art früher Ersatzverfassung, spricht von einem „Creator" als Schöpfer und der „Divine Providence“, der göttlichen Vorsehung. Hat König Charles mit seinem Segenswunsch auf die Unabhängigkeitserklärung Bezug genommen, deren 250. Jubiläum in diesem Jahr Anlass seines Besuchs war?

Wie Charles Trump beeindrucken konnte

Großbritannien kennt keine kodifizierte Verfassung. In einem Geflecht historischer Dokumente ist die Verbindung von Staat und Religion strukturell verankert. Der Monarch ist das weltliche Oberhaupt der Church of England. Religion ist damit nicht aus dem Staatsgefüge verbannt, sondern institutionell eingebettet.

Donald Trump „beneidete“ nach eigenen Worten den englischen König um seine brillante Rede. Es scheint sogar denkbar, dass die demütige Anempfehlung des Königs gegenüber göttlicher Gnade den Präsidenten beeindruckt hat. Ein Oberhaupt, das sein Haupt beugt vor dem Allmächtigen: nicht die schlechteste Folie für den zweiten Teil von Trumps Präsidentschaft.

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Henry C. Brinker Kongress der Vereinigten Staaten

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