Die Zahl der Geburten in Deutschland ist im Jahr 2025 auf den niedrigsten Stand seit der Nachkriegszeit gesunken. Das teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Mit 654.300 Kindern wurden letztes Jahr 3,4 Prozent weniger Kinder geboren als im Vorjahr. Auch das Geburtendefizit erreicht mit rund 352.000 weniger Geburten als Sterbefällen einen neuen Höchststand. Seit Beginn der 1970er-Jahre liegt Deutschland im Geburtendefizit, das heißt, es sterben mehr Menschen, als geboren werden. In den östlichen Bundesländern sinkt die Geburtenzahl weiterhin stärker als in den westlichen Bundesländern.
Auch in Frankreich, Österreich, Italien und Schweden gingen die Geburtenzahlen 2025 zurück. Spanien, die Niederlande und Finnland verzeichnen hingegen eine Stabilisierung der Geburtenzahlen. In Frankreich sank die Zahl der Geburten mit 645.000 auf den niedrigsten Stand seit 1942. Zum ersten Mal übersteigt die Zahl der Todesfälle die der Geburten. Präsident Emmanuel Macron hatte bereits vor einiger Zeit eine „demografische Aufrüstung“ ausgerufen. Die französische Regierung plant daher, ab Sommer regelmäßig alle 29-Jährigen per Brief über das Risiko aufzuklären, zu lange mit der Familienplanung zu warten. Gleichzeitig propagiert das Land das Einfrieren der Eizellen und will die Zahl der Kinderwunschzentren weiter erhöhen.
Jede siebte Schwangerschaft endet mit einer Abtreibung
2025 wurden in Deutschland 106.000 Kinder vor ihrer Geburt abgetrieben. Damit endet in Deutschland ungefähr jede siebte Schwangerschaft mit einer Abtreibung. Erstmals wurden 2025 die meisten Abtreibungen mit dem Abtreibungsmedikament Mifegyne durchgeführt (45 Prozent).
Die Zahl der Abtreibungen hat sich gegenüber 2024 um 0,7 Prozent verringert, liegt aber weiterhin deutlich über dem Niveau der Jahre 2014 bis 2020. In den Altersgruppen der 35- bis 44-Jährigen stieg die absolute und prozentuale Zahl von Abtreibungen an. Die Zahl der Abtreibungen bei Frauen unter 24 nahm in absoluten Zahlen ab, was auch auf demografische Faktoren zurückzuführen ist: Die Zahl der Frauen unter 24 sank ebenfalls.
Das Statistische Bundesamt gibt an, es lägen ihm „keine Erkenntnisse über die persönlichen Entscheidungsgründe für einen Schwangerschaftsabbruch nach der Beratungsregelung vor“. Allerdings erfasst das Statistische Bundesamt die Indikation: Danach erfolgen 96 Prozent aller Abtreibungen aufgrund der sogenannten „sozialen Indikation“ nach einer Beratung. Nur vier Prozent der Abtreibungen erfolgen aus medizinischen Gründen oder aufgrund von Sexualdelikten.
Die Gründe für eine Abtreibung
Die Mehrheit der Kinder, die in Deutschland abgetrieben werden, fällt damit persönlichen Umständen der Mutter zum Opfer. Verschiedene Studien, wie etwa die ELSA-Studie von 2024, fanden heraus, dass schwierige Lebensphasen, finanzielle Sorgen und Partnerschaftskonflikte zu den häufigsten Motiven einer Abtreibung gehören. Die Beratungsstatistik der Schwangerschaftsberatung profemina ergab, dass biografische Gründe – etwa eine noch nicht beendete Ausbildung –, ein Gefühl der Überlastung und Probleme in der Partnerschaft die häufigsten Ursachen seien. Immer wieder berichten Mütter in Schwangerschaftskonflikten auch von Druck, der von Partner und/oder Familie ausgeübt werde.
Die demografischen Ursachen dieses Negativrekords bei den Geburtenzahlen erklärt der Soziologe Harald Michel mit zwei Faktoren: „die Zahl der Frauen im ,gebärfähigen’ Alter, die in den 2010er Jahren zunahm und dann wieder zurückging und weiter sinken wird“ und die „geplante und realisierte Kinderzahl, die derzeit zu einer Geburtenrate von etwa 1,3 bis 1,4 Kindern pro Frau führt“ und voraussichtlich ebenfalls weiter sinken dürfte. Michel leitet seit 1992 das Institut für Angewandte Demographie (IFAD) in Berlin. Gegenüber der „Tagespost“ erklärt er: „Seit 40 Jahren schon staune ich über die Naivität der Politik in Bezug auf die demografische Entwicklung. Der Geburtenboom vor rund zehn Jahren war ebenso vorhersehbar wie der Rückgang der letzten Jahre.“
Über viele Jahre habe die Politik massiv in den Aufbau von Betreuungsplätzen investiert. „Jetzt bleiben viele Plätze unbesetzt.“ Diese mangelnde Voraussicht betreffe laut Michel nicht nur die Kitas, sondern auch die Schulen. Der Geburteneinbruch nach 1990 habe in den östlichen Bundesländern um 2000 herum zu niedrigen Schülerzahlen geführt, woraufhin in manchen Ostberliner Bezirken Schulen stillgelegt wurden, obwohl sich die Geburtenzahlen wieder erholt hatten.
Dann seien auch die Schülerzahlen wieder gestiegen, auch durch starke Migration. „So entstanden Engpässe. Jetzt wird in ein großes ,Schulbauprogramm’ investiert. Manches wird fehlinvestiert sein, denn demnächst kommen wieder geburtenschwache Jahrgänge an die Schulen. Die Politik schaut auf die aktuelle Legislaturperiode, aber für die Planung wäre (als Minimum) ein Horizont von mindestens sechs bis sieben Jahren erforderlich.“
Demografische Entwicklung war lange absehbar
Auch für die Vorsitzende des Verbands kinderreicher Familien e.V., Elisabeth Müller, war die demografische Entwicklung lange absehbar. „Umso wichtiger wäre es gewesen, frühzeitig stabile und familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Stattdessen erleben viele Familien derzeit eher wachsende Unsicherheit. Das spiegelt sich auch in den Geburtenzahlen wider“, so Müller.
Für Ulrich Hoffmann, den Präsidenten des Familienbunds der Katholiken, sind die Zahlen „ein Armutszeugnis für die aktuelle Familienpolitik“. Gegenüber dieser Zeitung erklärte er: „Wenn das Elterngeld seit 2007 nicht an die Inflation angepasst wird, strukturelle Benachteiligungen fortbestehen und den Anliegen von Familien nur eine geringe Priorität eingeräumt wird, braucht man sich über sinkende Geburten nicht zu wundern.“ Der Familienbund fordert insbesondere die Erhaltung des Ehegattensplittings und der beitragsfreien Mitversicherung. „Gerade jetzt brauchen Familien eine Familienpolitik, die von ihren Möglichkeiten und Wünschen ausgeht und ihnen die notwendige Flexibilität einräumt, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Stattdessen wird suggeriert, Familien würden noch nicht genug arbeiten und müssten durch Erwerbsanreize motiviert werden. Die Geringschätzung von Sorgearbeit, die hier zum Ausdruck kommt, kann sich die Gesellschaft nicht mehr leisten“, so Hoffmann.
Was müsste in Deutschland passieren, um Familien angemessen zu unterstützen und junge Menschen in ihrem Kinderwunsch zu ermutigen? „Es bräuchte zunächst einen grundlegenden Gesinnungswandel, gesellschaftlich wie politisch, nämlich die klare Einsicht, dass eine Gesellschaft ohne Kinder nicht zukunftsfähig ist und dass Familie nicht nur ein privates Lebensmodell, sondern ein eigenständiger, tragender Wert für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist“, meint Müller. Darauf aufbauend müsse die Politik Demografie endlich ernsthaft und offen diskutieren und dann „konkrete Verbesserungen der Rahmenbedingungen“ umsetzen, „die alle längst bekannt sind“, etwa bezahlbaren Wohnraum, verlässliche Bildungs- und Betreuungsstrukturen, ein Steuersystem, das Familien nicht zusätzlich belastet, „sowie mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und echte Wahlfreiheit für Eltern, wie sie ihr Familienleben ausgestalten wollen.“
„Streben nach Selbstverwirklichung“
Soziologe Michel sieht die tieferen Gründe für den gegenwärtigen Geburtenrückgang weniger in wirtschaftlichen Faktoren, sondern in einer Vielzahl von Gründen. „Eine zentrale Rolle spielt das Streben nach ,Selbstverwirklichung’.“ Ein Faktor, auf den die Politik nur begrenzt Zugriff hat. Aber: „Dass die Politik nach oben wenig Einfluss auf die Geburtenrate hat, heißt nicht, dass sie die Geburtenrate nicht weiter nach unten drücken könnte. Die gegenwärtigen Diskussionen wirken da nicht unbedingt positiv, insbesondere wenn man die Pläne der Sozialdemokraten betrachtet, die Familien mit mehreren Kindern belasten könnten“, so Michel. DT/fha
FAQ
Wie stark ist der Geburtenrückgang in Deutschland ausgefallen? Die Geburtenzahl sank 2025 auf 654.300 Kinder und erreichte damit den niedrigsten Stand seit der Nachkriegszeit.
Was bedeutet das Geburtendefizit für Deutschland? Das Geburtendefizit beschreibt, dass mehr Menschen sterben als geboren werden, was langfristig zu Bevölkerungsrückgang führt.
Wie viele Schwangerschaften enden in Deutschland mit einer Abtreibung? Etwa jede siebte Schwangerschaft endet in Deutschland mit einem Schwangerschaftsabbruch.
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