Verstoß gegen Laizismus?

Frankreich: Sankt-Michael-Statue soll verschwinden

Der Erzengel Michael muss weichen: Laizisten siegen vorerst im Streit um eine Statue in einer französischen Hafenstadt. Diese legt Beschwerde ein.
Les Sables-d'Olonne
Foto: Florian Pépellin / CC-BY-SA-3.0 | Luftbild der Stadt Les Sables- d'Olonne. Hier tobt ein Streit um eine Statue des Erzengels Michael, der nun bis vor das Oberste Verwaltungsgericht Frankreichs geht.

Bis zum Obersten Verwaltungsgericht, dem Conseil d’État, ist nun der Streit um eine Statue des Erzengels Michael in der französischen Hafenstadt Les Sables-d’Olonne in der Vendée vorgedrungen, wie die französische Tageszeitung "Le Figaro" berichtet. Das Oberverwaltungsgericht von Nantes hatte dem Bericht zufolge kürzlich geurteilt, dass die Präsenz einer Statue des heiligen Michael und damit eines „religiösen Emblems“ auf einem öffentlichen Platz in der Hafenstadt durch das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat von 1905 verboten sei.

Der Gerichtsentscheid erlegte der Stadtverwaltung auf, die Statue innerhalb einer Frist von sechs Monaten ab dem Datum der Urteilszustellung abzutransportieren. Die Stadt habe daraufhin angekündigt, den Conseil d’État anzurufen, sowie - wörtlich - „alles zu tun, um das höchste Verwaltungsgericht davon zu überzeugen, dass dieses Denkmal absolut in das Zentrum des Stadtviertels hingehört, dessen Symbol es ist“.

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Historische Statue

Die Statue sei, so der Figaro weiter, im 19. Jahrhundert geschaffen worden und habe zunächst den Giebel der Privatschule St. Michel geschmückt. Dann habe die Diözese die Schule an einen anderen Träger verkauft. Die Gemeinde habe das Kunstwerk zurückerworben und es im Oktober 2018 auf dem Vorplatz der Kirche St. Michel aufgestellt. Doch die „Fédération de la libre-pensée“, ein Zusammenschluss von Verteidigern der Laizität, hatte die Sache vor Gericht gebracht. Der Vorsitzende der Ortsgruppe dieser Freidenker, Jean Regourd, erklärte gegenüber dem Figaro: „Für die paar Leute, die am Tag der Einweihung [des Denkmals] vor Ort waren oder regelmäßig die Pfarrei besuchen, mag das vielleicht normal sein. Aber für die anderen? Sie sagen sich: ‚Warum laufe ich einem Heiligen über den Weg, wenn ich aus dem Haus gehe?‘“

Andauernder Streit

Im Dezember 2021 hat das Verwaltungsgericht von Nantes dem Verein Recht gegeben. Der Bürgermeister der Stadt, Yannick Moreau, legte laut Figaro Berufung ein und organisierte eine Bürgerbefragung: „Im vergangenen März stimmten mehr als 94 Prozent der Befragten für den Erhalt der Statue vor der Kirche St. Michel“. Der Stadtvater betonte: „Dieses Kunstwerk hat ihren Platz in Sables-d’Olonne völlig zu Recht; die ‚Cancel Culture‘ hat überhaupt keinen Platz hier. Die Stadt wird sich nicht von denjenigen einschüchtern lassen, die unsere kulturellen Bindungen aus der öffentlichen Landschaft beseitigen wollen“.

Doch das Oberverwaltungsgericht habe die Argumente der Stadtverwaltung, denen zufolge dieses Standbild „einen kulturellen, historischen, traditionellen, künstlerischen sowie festlichen Charakter“ aufweise, zurückgewiesen und stattdessen festgestellt, „dass die Gestalt des heiligen Michael – der Anführer der himmlischen Heerscharen der Engel des Guten – zur christlichen Ikonographie gehört“ und „deswegen einen religiösen Charakter hat“.

Freidenker erfreut

Jean Regourd lobte das Urteil. Der Verein der Freidenker von Nantes sei, so Regourd, „erfreut darüber, dass seine Klage zum zweiten Mal bestätigt wurde, und er meint, dass dies nicht nur eine Mahnung an die Respektierung der Gewissensfreiheit der Bürger und Bürgerinnen sei, sondern auch eine bittere Niederlage für die Anhänger einer Rückkehr zum Klerikalismus. Der Bürgermeister von Les Sables-d’Olonne kann nicht mehr kneifen und muss jetzt die Statue entfernen“.

Unterdessen berichtete die Lokalzeitung „Les Sables – Vendée Journal“ von einer Demonstration am vergangenen Sonntag, bei der 200 Teilnehmer des 45.000 Einwohner zählenden Ortes ihre Unterstützung für die Beibehaltung der Sankt-Michael-Statue auf dem Kirchenvorplatz bekundeten. DT/kks

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