Mbabane

Eswatini: Die Krise von Afrikas letzter Monarchie

Das kleine Eswatini – hier konzentrieren sich wie im Brennglas die Probleme Afrikas. Die Proteste stehen aber auch für Chancen, die ein politischer Wandel bieten kann. Auf ihn hoffen auch die katholischen Bischöfe.
Eswatini
Foto: Shiraaz Mohamed (EPA) | Eswatini, Afrikas letzte absolute Monarchie, unter Führung von König Mswati III. (Mitte), mit rund 1,4 Millionen Einwohnern am nördöstlichen Rand Südafrikas, wird seit vier Monaten von Protesten erschüttert.

Ein seit 35 Jahren fest im Sattel sitzender Herrscher, ein darbendes Volk, ein Sicherheitsapparat, der Angst und Schrecken verbreitet – das kleine Land Eswatini erfüllt so ziemlich alle Klischees, die verbreitet sind über die Länder des globalen Südens. Jetzt werden sie nochmals befeuert durch die seit Juni dieses Jahres anhaltenden und in den letzten Tagen eskalierenden Proteste rund um die Hauptstadt Mbabane. Dutzende Menschen kamen ums Leben. Eswatini, es wirkt wie ein Brennglas für die Probleme Afrikas, doch zugleich ist das frühere Swasiland auch ein lebendiges Zeichen für die Widerstandskraft gegen Despotie und Misswirtschaft durch die Herrschenden aus dem Volk heraus – und damit ein Beleg, dass Afrika vor allem sich selbst helfen muss bei der Überwindung der Probleme, die friedliches Miteinander und Entwicklung hemmen. Die katholischen Bischöfe des mächtigen Nachbarlandes Südafrika forderten in der vergangenen Woche von der Regierung Eswatinis, in einen Dialog mit der Bevölkerung einzusteigen, um eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern.

Seit Monaten von Protesten erschüttert

Aber der Reihe nach. Eswatini, Afrikas letzte absolute Monarchie mit rund 1,4 Millionen Einwohnern am nordöstlichen Rand Südafrikas, wird seit vier Monaten von Protesten erschüttert. Die überwiegend jugendlichen Demonstranten fordern mehr Mitsprache von König Mswati III. und dessen Regierung. Ihnen geht es um Demokratisierung, aber auch um eine gerechtere Verteilung der Einkommen und Armutsbekämpfung. Militär und Polizei gehen mit brutaler Härte gegen die jungen Menschen vor. Das Kinderhilfswerk Safe the Children in Eswatini berichtet von tausenden Schülern, die unter dem Vergehen der Sicherheitskräfte litten. Schulen, so der Direktor von Save the Children in Eswatini, Dumisani Minsi, würden zu militärischen Sperrzonen erklärt, in denen Tränengas eingesetzt und scharf geschossen werde. Hunderte von Kindern stünden unter Arrest.

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Bereits im Mai dieses Jahres begannen die Demonstrationen für Demokratie und Reformen in Eswatini. Im Juni dann wurden die Proteste immer gewalttätiger. Läden wurden geplündert und zerstört; Lebensmittel- und Benzintransporte in Brand gesetzt. Militär und Polizei reagierten massiv. Bei den Auseinandersetzungen kamen laut Hilfsorganisationen mindestens 60 Menschen ums Leben.

Für die Kirche wiegt die Lage schwer

Es geht dabei längst nicht mehr um die Zukunft Eswatinis als eines Kleinstaats im südlichen Afrika, einer Region, die Jahrzehnte als besonders stabil, prosperierend und als gastfreundlicher Touristenmagnet gegolten hat. „Gewalt, Zerstörung von Eigentum, exzessive Gewaltanwendung durch die Armee und Tote sind nicht nur eine Bedrohung für Eswatini, sondern auch für die gesamte Region des südlichen Afrikas", erklärte der  Vorsitzende der Südafrikanischen Bischofskonferenz (SACBC), Bischof Sithembele Sipuka von Umtatta (Südafrika), bei einem Treffen mit dem Premierminister Eswatinis, Cleopas Dlamini, Mitte Oktober, um für Frieden und Gerechtigkeit zu werben.

Für die Kirche wiegt die Lage in Eswatini schwer. So waren neben Bischof Sipuka auch der Generalsekretär der Südafrikanischen Bischofskonferenz, Pater Hugh O'Connor, und die stellvertretende Generalsekretärin, Schwester Phuthunywa Catherine Siyali, zum  „Pastoral- und Solidaritätsbesuch" nach Eswatini gekommen. Auch José Ponce de León, Bischof von Manzini, der einzigen katholischen Diözese in Eswatini, war dabei und unterstrich das Interesse der Gläubigen vor Ort an einer friedlichen Lösung. Ebenso hatte sich Papst Franziskus im vergangenen Sommer zur Lage in Eswatini geäußert. Er rief zu Dialog und Frieden auf und mahnte „jene, die Verantwortung tragen, sowie jene, die eigene Vorstellungen für die Zukunft des Landes haben, sich gemeinsam für Dialog, Versöhnung und eine friedliche Lösung der unterschiedlichen Positionen einzusetzen". Die südafrikanischen Bischöfe sicherten jetzt nicht nur die Hilfe der katholischen Kirche zu – rund fünf Prozent der Bewohner Eswatinis bekennen sich zur katholischen Kirche –, sondern riefen auch Behörden, die Zivilgesellschaft und jeden Einzelnen auf, „Anstrengungen zu unternehmen, die von Solidarität und Liebe getragen sind und zum Aufbau einer gerechten und friedlichen Gesellschaft beitragen". Die Entwicklung zeigt, welche Dynamik sich entfaltet, wenn das Volk seinen Willen auf die Straße trägt.

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