Herr Brandscheid, der Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn hat ein großes öffentliches Echo ausgelöst. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Wir haben deutlich gemacht: Wir wollen nicht die Letzte Generation der Christdemokratie sein. Wir glauben an die Zukunftsfähigkeit der Union. Deswegen haben wir aber auch eine klare Erwartungshaltung an die Partei. Die CDU befindet sich in einer dramatischen Lage. Wir sagen aber dennoch: Wir werden die Volkspartei bleiben.
Diese Dramatik wurde ja auch beim Deutschlandtag benannt. Aber zum großen Knall ist es bei dem Austausch mit dem Bundeskanzler dennoch nicht gekommen. War die JU zu zahm?
Ich finde, der JU-Bundesvorsitzende Johannes Winkel hat den richtigen Ton gefunden. Es ist klar gesagt worden, dass mit der Selbstzerstörung Schluss sein muss. Mein Landesverband hat mit der Unterstützung aller Landesverbände einen entsprechenden Initiativantrag eingebracht, der auch angenommen worden ist. Wir haben betont, dass es jetzt nicht darum geht, neue Antworten zu finden, sondern dass wir endlich die Lösungen, die wir schon längst haben, auch umsetzen. Das Problem beginnt dort, wo Regierungshandeln den eigenen Aussagen widerspricht. Der CDU fehlt nicht die Orientierung, sondern der politische Durchsetzungs- und Behauptungswille. Es kann nicht sein, dass politische Gegner von links bestimmen wollen, was die CDU noch sagen darf. So gehen uns Kompetenz und Vertrauen bei Themen verloren, die seit jeher zum Kern christdemokratischer Politik gehören. Und gegenüber dem Koalitionspartner SPD muss klargestellt werden: Die Koalition ist kein Selbstzweck. Wer dauerhaft notwendige Reformen blockiert, darf nicht darauf vertrauen, dass die Union aus Angst vor einem Ende der Regierung jeden Kompromiss mitträgt.
Die Junge Union hat den Anspruch, Motor für so eine Reformpolitik in der Partei zu sein. 2019 wurde Friedrich Merz, damals noch Kandidat für den CDU-Vorsitz, deswegen beim Deutschlandtag stürmisch gefeiert. Er erschien damals als Personifikation für diesen politischen Aufbruch. Diese Euphorie ist längst verflogen. Glauben Sie, sie könnte noch einmal wiederkommen?
Dass ihm dies zugeschrieben wurde, ist völlig richtig. Aktuell steht er jedenfalls nicht mehr dafür. Und ich kann mir schwer vorstellen, dass sein Bild wieder diese alte Strahlkraft zurückbekommt - hierzu bräuchte es vor allem wieder das entsprechende Selbstvertrauen und Klarheit im Kurs.

In Bonn waren auch Hendrik Wüst und Markus Söder als Redner zu Gast. Sie werden ja als die möglichen Ersatzkanzler gehandelt. Sind diese Persönlichkeiten mögliche Alternativen?
Hendrik Wüst ist Ministerpräsident in dem gastgebenden Landesverband, da ist es gute Tradition, dass er beim Deutschlandtag spricht. Für den CSU-Vorsitzenden gilt das sowieso. Aktuell steht ein Kanzlertausch nicht zur Debatte. Aber jeder, der Markus Söder politisch kennt, ahnt wohl auch, dass er nicht ablehnen würde, wenn er gefragt würde, ob er denn Bundeskanzler werden wolle.
Fehlt in diesem Reigen möglicher Aspiranten nicht noch ein Name, der gerade Ihnen als hessischem JU-Vorsitzenden wichtig sein muss? Boris Rhein hat sich in den vergangenen Wochen vermehrt zu den bundespolitischen Fragen und der Entwicklung der CDU geäußert. Wie finden Sie das?
Ich habe das mit großer Freude beobachtet. Und ich fühle mich auch durch die Äußerungen von Boris Rhein in dem Kurs gestärkt, den wir als JU Hessen vertreten. Und grundsätzlich ist es natürlich gut, wenn eine hessische Stimme sich zu Wort meldet. Hessen ist schließlich eines der starken Bundesländer.
Und dann ist da natürlich noch Johannes Winkel selbst. Er ist mit einem Rekordergebnis als Bundesvorsitzender bestätigt worden. Müssten jetzt mehr JUler ins Kabinett?
Ich habe mich sehr gefreut, als Johannes Winkel zum stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt worden ist. Das ist sehr verdient. Ich glaube aber nicht, dass es jetzt an der Zeit ist, über Kabinettsposten zu sprechen. Die Junge Union muss sich jetzt weiter inhaltlich profilieren und zeigen, dass sie die Reformkraft ist. Hier haben wir vor allem bei der Rentendiskussion gezeigt, dass wir personell sehr gut aufgestellt sind.
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