Wie immer, wenn es um KI geht, konnte die „Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE)“ während ihrer Herbst-Vollversammlung Mitte Oktober einen Teil der flüchtigen Brüsseler Medienaufmerksamkeit auf sich lenken. Thema der Podiumsdiskussion in der vom deutschen Jesuitenpater Bernd Günther geführten ökumenischen Gebets- und Dialogforums „Chapel for Europe“ in Brüssel war die Enzyklika Leos XIV. „Magnifica humanitas“.
Bischof Paul Tighe, erster Sekretär des Dikasteriums für Kultur und Bildung im Vatikan, unterstrich, dass die Enzyklika den Menschen nicht als passiven Beobachter eines unausweichlichen technologischen Wandels sieht: „Es gibt nichts Unausweichliches an der KI“, betonte der Kurienbischof in seinem Impulsvortrag. Papst Leo XIV. fordere in seiner ersten Enzyklika dazu auf, sich aktiv einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, statt bloß auf das Beste zu hoffen.
Die KI entwaffnen
Tighe hob hervor, dass die Kirche keineswegs technologiefeindlich agiere. Vielmehr gelte es, das transformative Potenzial der neuen Technologie zu nutzen, zugleich jedoch Leitplanken wie Transparenz, Aufsicht und Rechenschaftspflicht einzuführen. Mit Verweis auf Albert Einstein warnte Tighe vor einer „Perfektion der Mittel bei gleichzeitiger Verwirrung der Ziele“: KI könne menschliche Fähigkeiten verstärken und beschleunigen, doch müsse die grundlegende Ausrichtung stets dem Wohl der gesamten Menschheit und dem Schutz der Würde des Einzelnen dienen.
In Anlehnung an Papst Leo sprach sich der irische Bischof für ein sprachliches und metaphorisches „Entwaffnen der KI“ aus. Die Entwicklung dürfe nicht zu einem wettrüstungsähnlichen Konkurrenzkampf verkommen, der Polarisierung, Ungleichheit und Monopole weiter verschärfe. Stattdessen bedürfe es einer globalen Ethik, die sich an den Prinzipien der katholischen Soziallehre, also insbesondere der Menschenwürde, des Gemeinwohls, der Subsidiarität und der Solidarität, orientiere.
KI muss gesteuert werden
Leonardo Cervera-Navas, Generalsekretär des Europäischen Datenschutzbeauftragten, veranschaulichte die Bedeutung der KI mit einem prägnanten Bild: „Ich möchte Künstliche Intelligenz gerne mit dem Bild eines Hochgeschwindigkeitszuges vergleichen. Ein Hochgeschwindigkeitszug kann uns weiter und schneller voranbringen, aber ein Hochgeschwindigkeitszug braucht ein Ziel. Er braucht auch Signale, er braucht Sicherheitssysteme und er braucht einen Fahrer, der in der Lage bleibt zu reagieren, wenn sich die Umstände ändern.“
Cervera-Navas mahnte, dass ein Schnellzug ohne klares Ziel und ohne Sicherheitssysteme kein Zeichen des Fortschritts sei, sondern ein hohes Risiko berge. Daher gehe es nicht darum, wie schnell Künstliche Intelligenz entwickelt werden könne, sondern eher darum, ob deren Entwicklung so gesteuert werde, dass sie der Gesellschaft diene und die menschliche Würde wahren könne.
Moralische und ethische Reflexion ist notwendig
Gesetzgebung allein reiche dafür nicht aus; es brauche zwingend auch eine moralische und ethische Reflexion. Antonella Sberna, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, dem sie für Giorgia Melonis nationalkonservative Partei „Fratelli d’Italia“ angehört, betonte die Auswirkungen auf die europäische Gesetzgebung. Gleichzeitig erinnerte sie daran, wie wichtig der kontinuierliche Austausch mit den Glaubensgemeinschaften sei, um sicherzustellen, dass der technologische Fortschritt nicht isoliert betrachtet werde: „Technologie darf nicht getrennt von der Menschenwürde bewertet werden“, hob Sberna hervor.
Es gelte, zu verhindern, dass die größte technologische Revolution unserer Zeit zu digitaler Isolation oder zur Beseitigung ethischer Grenzen führe. Gesetzgebung dürfe nicht darauf abzielen, Innovation oder Wettbewerbsfähigkeit zu stoppen, sondern müsse Rahmenbedingungen schaffen, die den Menschen kompromisslos in den Mittelpunkt rücken.
Sberna erinnerte überdies an einen historischen Moment im Juni 2024, als Papst Franziskus als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche auf dem G7-Gipfel in Apulien sprach und bereits damals eindringlich eine ethische Ausrichtung der Künstlichen Intelligenz einforderte. Die neue Enzyklika von Papst Leo XIV. führe diesen Weg nunmehr konsequent fort und biete den politischen Entscheidungsträgern damit ein wertvolles Fundament.
KI hat Potenzal, Berufe menschlicher zu gestalten
Auf dem Podium kam auch die Muslima Anna A. MacMillan zu Wort. Als Vorstandsmitglied der „Domus Communis Foundation“ verbindet sie ihre Arbeit als Investorin in der Technologiebranche eng mit interreligiösem Dialog. Die in Dubai lebende MacMillan stützt ihre Investmenttätigkeit auf erhebliches Eigenkapital sowie auf Stiftungs- und Fondsmittel, die sie gezielt in ethische Technologie und Social-Impact-Initiativen fließen lässt.
In ihrem Statement mahnte sie an, dass der Diskurs über KI zwingend bei der Frage ansetzen müsse, wohin Kapital fließt: „Was finanziert wird, wird gebaut. Wir können nicht über ethische Technologien oder ethische KI diskutieren, ohne darüber zu sprechen, wie diese Technologien Investitionen erhalten.“
MacMillan wies darauf hin, dass Künstliche Intelligenz die Chance biete, Berufe nicht abzuwerten, sondern wieder menschlicher zu gestalten: „Das Wichtigste, was KI uns bringen wird, ist die Chance, verantwortungsvoll zu handeln, Rechenschaft zu übernehmen und uns weiterzubilden. Die Zukunft, die ich in der Enzyklika sehe und annehme, ist eine Einladung, das Fundament neu zu bauen. Für mich liegt der bedeutendste Teil darin, dass KI uns die Möglichkeit gibt, menschlicher zu werden – menschlicher und mitfühlender.“ Der Autor ist freier Journalist und lebt in Brüssel.
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