„In München steht ein Hofbräuhaus / Doch Freudenhäuser müssen raus / Damit in dieser schönen Stadt / Das Laster keine Chance hat“, tönte Anfang der 80er Jahre die „Spider Murphy Gang“ in ihrem Song „Skandal im Sperrbezirk“. Der umstrittene Rock-’n’-Roll-Song, den ganze Generationen von Schülern und Studenten auf Partys mitgrölten, nahm nicht nur die vermeintliche Doppelmoral der bayerischen Landeshauptstadt auf die Schippe, sondern zeichnete zugleich ein die Prostitution verharmlosendes, wenn nicht gar verherrlichendes Bild, beschreibt er doch die fiktive Prostituierte „Rosi“ als clevere, selbstbestimmte Unternehmerin.
Wie hart, brutal, menschenverachtend und nicht selten sogar tödlich dagegen die Realität ist, zeigte in dieser Woche, ebenfalls in München, eine Fachtagung der Abteilung Frauenförderung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit dem „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“ und dem katholischen Hilfswerk „Renovabis“. So referierte auf der Tagung, die unter der Überschrift „Macht. Gewalt. Körper. Worüber beim Thema Prostitution nicht gesprochen wird“ stand, unter anderem die Frauenärztin Liane Bissinger über die „gesundheitlichen Folgen und körperlichen Schädigungen“, die Frauen durch Prostitution erlitten. Die Soziologin Manuela Schon schockierte mit einer Sammlung von „Tötungsdelikten in der Prostitution“.
„Menschenhandel ist eine moderne Form der Sklaverei“
„Der Kampf gegen Menschenhandel ist ein Kampf in einer Grauzone, manchmal auch im Schatten und mit viel zu vielen blinden Flecken“, hatte zuvor die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats und stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Susanne Breit-Keßler, in ihrer Begrüßung betont. „Das Verbrechen des Menschenhandels besteht darin, dass einem Menschen sein mit Würde und Selbstbestimmung ausgestatteter Status als Person entzogen wird. Der Mensch, die Frau, wird zu einem Gegenstand, zu einer Ware degradiert, die einen Preis hat, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Und diese Ware kann nach Belieben verwendet werden. Menschenhandel ist eine moderne Form der Sklaverei und eine schwere Menschenrechtsverletzung, die weiterhin tagtäglich mitten in unserer Gesellschaft passiert“, so Breit-Keßler weiter.
Offiziell gemeldet seien bundesweit 32.000 Prostituierte. Fachleute gingen jedoch davon aus, dass in Wirklichkeit 250.000 bis 400.000 Frauen in die Prostitution verstrickt seien, „viele unter Zwang“. Rund 90 Prozent der Frauen hätten einen Migrationshintergrund und kämen vor allem aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, aber auch aus Afrika und Asien. Auch „Frauen und Mädchen aus der Ukraine“ seien weiterhin „stark betroffen“.
„Die Unversehrtheit des Körpers und der Seele ist nicht verhandelbar“
Die bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Ulrike Scharf (CSU), schickte eine Videobotschaft, in der sie die Internetplattform „hinsehen.bayern.de“ und die Podcastreihe „hinsehen, hinhören“ bewarb, die sich mit den verschiedenen Formen von Menschenhandel und Anzeichen dafür beschäftigen und obendrein Hilfsangebote offerieren.
Die CSU-Landtagsabgeordnete Barbara Becker, die den Stimmkreis Kitzingen im Bayerischen Landtag vertritt, wandte sich gegen die Vorstellung, Prostitution sei ein Beruf wie andere auch. „Wenn Prostitution ein ganz normaler Beruf wäre, dann hätten wir am ,Girls Day‘ viele junge Frauen, die da mal reinschnuppern. Wir würden Berufspraktika anbieten und Jobbörsen. Wir würden stolz und frei unsere Töchter, Nichten und Enkelinnen dahinschicken und ihnen empfehlen, diesen fantastischen Beruf zu ergreifen. So ist es aber nicht“, zitierte Becker die ebenfalls anwesende Kerstin Neuhaus, Geschäftsführerin des Vereins „AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e. V.“
Als „bemühte und überzeugte Christin“ sei sie der festen Überzeugung: „Respekt ist nicht verhandelbar. Schutz ist nicht verhandelbar. Und die Unversehrtheit des Körpers und der Seele ist auch nicht verhandelbar“, so Becker. Die CSU-Politikerin zeigte sich zuversichtlich, dass, obwohl die Deutschen sich mit dem Thema Prostitution eher schwertäten, die Einführung des „Nordischen Modells“, das Schweden 1999 als erstes Land der Welt einführte und mit dem die Prostitution stark zurückgedrängt werden konnte, auch hierzulande in greifbare Nähe rücke. Becker: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
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