Die Tatsache, dass es in Deutschland zunehmend abhandengekommen ist, statt themenorientiert lieber auf der persönlichen Ebene zu debattieren, erscheint in Zeiten des politischen Irrsinns geradezu unglaublich. So waren ordentliche Feministinnen nicht in der Lage, die Brücke zu Konservativen, Freiheitlichen und Rechten zu schlagen, als es um das Selbstbestimmungsgesetz ging, was kaum überraschend zur Folge hatte, dass das Selbstbestimmungsgesetz ohne vernehmbaren Widerstand beschlossen wurde.
Umso angenehmer gestaltete es sich, als die Grünen in Würzburg am 8. Mai zu einer Veranstaltung zum Thema Prostitution luden. Erfrischend handfest kritisierte die Landtagsabgeordnete Kerstin Celik die Tatsache, dass Deutschland sich seit Jahren als „Bordell Europas“ etabliert hat – eine Einschätzung, die auch ein Vertreter der Polizei teilte, der bereits bei Razzien in entsprechenden Etablissements zugegen war. Der Tenor des Abends war klar: Nicht die Prostituierte sollte kriminalisiert werden, sondern – Stichwort nordisches Modell – der Freier.
Damit griff die Veranstaltung eine Debatte auf, die inzwischen längst auch die Bundespolitik erreicht hat. Selbst in der Union mehren sich die Stimmen, die die derzeitigen Zustände im Prostitutionsmilieu als unhaltbar bezeichnen. Die CSU-Politikerin Susanne Hierl sprach jüngst offen davon, dass Deutschland mit seiner liberalen Gesetzgebung einen Magneten für Menschenhandel, Zuhälterei und sexuelle Ausbeutung geschaffen habe. Unterstützt wird sie dabei unter anderem von Bundestagsabgeordneten Julia Klöckner und Nina Warken. Ihr gemeinsamer Ansatz orientiert sich am erwähnten nordischen Modell: Prostituierte selbst sollen entkriminalisiert werden, während der Kauf sexueller Dienstleistungen und deren organisierte Vermittlung strafrechtlich verfolgt werden.
Europaweit führend in sexueller Ausbeutung
Hinter dieser Forderung steht die Erkenntnis, dass die rot-grüne Prostitutionsgesetzgebung von 2002 ihre selbst gesteckten Ziele weitgehend verfehlt hat, was auch die Grünen in Würzburg kritisierten. Statt bessere Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung zu schaffen, entstand in Deutschland ein gigantischer Markt, von dem vor allem Bordellbetreiber und Zuhälter profitierten. Bereits seit Jahren weisen Polizeibehörden und Aussteigerinitiativen wie Sisters in Berlin darauf hin, dass sich hinter der Fassade vermeintlich freiwilliger Sexarbeit oftmals Abhängigkeit, Gewalt und organisierte Kriminalität verbergen. Selbst legale Bordelle seien immer wieder Schauplatz von Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Kritik inzwischen keineswegs nur aus konservativen Kreisen kommt. Ehemalige Prostituierte, Sozialarbeiterinnen und feministische Aktivistinnen berichten seit Jahren von den katastrophalen Zuständen innerhalb des Milieus. Frauen würden in vielen Fällen nicht aus freier Entscheidung handeln, sondern aus ökonomischer Not, psychischer Abhängigkeit oder durch direkten Zwang. Deutschland habe sich, so die Kritik, unter dem Deckmantel der Liberalität zu einem europaweiten Zentrum sexueller Ausbeutung entwickelt. Die wenigen offiziell registrierten Prostituierten stünden dabei in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Größenordnung des Gewerbes, das sich zum großen Teil im Dunkelfeld abspiele.
Ehrliche Debatte statt Haltungsnoten
Gerade deshalb wirkte der Abend in Würzburg wohltuend anders als viele Debatten der vergangenen Jahre und sollte Vorbild für die gesamte Linke in Deutschland sein. Statt moralischer Selbstinszenierung oder ideologischer Schlagworte standen konkrete Probleme im Mittelpunkt: organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Gewalt gegen Frauen und die Frage, ob ein Staat wirklich akzeptieren sollte, dass Intimität zur Ware wird. Dass ausgerechnet Vertreter der Grünen und konservative Kritiker in zentralen Punkten ähnliche Analysen formulierten, zeigte, wie fruchtbar politische Diskussionen sein können, wenn Denkverbote und Lagergrenzen einmal überwunden werden.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre dieses Abends. Eine Gesellschaft, die jede Zusammenarbeit über politische Grenzen hinweg reflexhaft verdächtigt, kastriert sich letztlich selbst. Wer ernsthaft Missstände bekämpfen will, muss bereit sein, Argumente auch dann anzuhören, wenn sie vom politischen Gegner stammen. Die Würzburger Veranstaltung war insofern erfrischend „unwoke“: nicht, weil dort jede Meinung identisch gewesen wäre, sondern weil man sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen konnte, statt bloß Haltungsnoten zu verteilen. Gerade in einer Zeit von Brandmauern, Denkverboten und Kontaktschuld wäre eine solche sachorientierte Debattenkultur nötiger denn je. So hätte vielleicht auch das Selbstbestimmungsgesetz verhindert werden können, und so kann möglicherweise auch der unwürdige Zustand abgeschafft werden, dass Deutschland das Bordell Europas ist.
Der Autor ist Publizist und schreibt zu Gesellschaft und kulturellem Wandel.
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