Sasses Woche in Berlin

Der Kanzler und ein nackter Kaiser

Die Aufregung um Minister ohne Maske im Flieger zeigt: Die Politik leidet unter einer verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung.
Scholz und Habeck besuchen Kanada
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Robert Habeck ohne Maske im Regierungsflieger auf dem Weg nach Kanada.

Märchenhaft ist der deutsche Politikbetrieb wirklich nicht. Doch beim Tag der offenen Tür im Kanzleramt ereignete sich am Sonntag eine Szene bei der man an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ denken konnte. Zwei Frauen stellten sich neben dem Bundeskanzler für ein Selfie auf, als sie plötzlich ihre Oberteile nach oben zogen. Auf ihren nackten Oberkörpern stand der Slogan: „Gas-Embargo now.“

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Nackt waren zwar in diesem Fall die beiden Protestlerinnen, aber in gewisser Weise wollten sie auch den Kanzler, der mit seinem typischen Scholz-Grinsen den Vorfall über sich ergehen ließ, nackt dastehen lassen. Hieß die Botschaft doch: Du, Kanzler, tust nicht genug, um Deutschland von der Abhängigkeit von russischem Gas zu lösen.

Die Politik hat nicht begriffen, was die Menschen empört

Einige Tage später ging es dann um nackte Gesichter: Scholz und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, aber auch der sie begleitende Journalistentross trugen bei den  Hin- und Rückflügen zu ihrem Staatsbesuch in Kanada keine Masken. Entsprechende Bilder sorgten für große mediale Empörung. Von Regierungsseite wurde versichert, dass in den Fliegern der Luftwaffe eben andere Regeln als in öffentlichen Reiseverkehr bestehen würden. Und überhaupt, vor dem Hinflug hätten alle Teilnehmer einen aktuellen PCR-Test vorlegen müssen. Das mag alles formal richtig sein und stimmen. Diese Reaktion zeigt aber auch, dass die Politik gar nicht begriffen hat, warum die Menschen so empört reagieren. 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Und damit sind wir wieder bei dem Märchen: Dort geht es nämlich auch um verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung. Der Kaiser will immer exzentrischere Kleidung. Seine Berater sind überfordert, aber keiner traut sich, ihm zu widersprechen. Und dann der letzte Kleidungsvorschlag: Der Kaiser ist nackt. Er merkt es nur nicht, sondern sonnt sich in der Vorstellung, nun besonders exklusiv gewandet zu sein. Bis ein kleines Kind sich zu Wort meldet und das sagt, was keiner zu wagen sagt: „Der Kaiser ist ja nackt.“

Ist Deutschland an diesem Punkt bereits angelangt? Und wo ist das kleine Kind, das den Mut hat, es auszusprechen? Vielleicht sollte Olaf Scholz doch einmal bei Hans Christian Andersen nachschlagen, sonst könnte es für ihn und seine Regierung schneller heißen als er denkt: Es war einmal.

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Sebastian Sasse

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