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Björn Höcke ist kein Gentleman, Mario Voigt hatte Glück

Das Duell zwischen dem Schwarzen und dem Blauen ist keine Wiederbelebung der Westminster-Demokratie. Aber es hat sich in der besonderen Thüringer Situation als politisch richtig erwiesen.
TV-Duell viereinhalb Monate vor der Landtagswahl in Thüringen
Foto: IMAGO/Martin Lengemann/WELT/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Bei dem Duell Voigt gegen Höcke ging es jedenfalls nicht um die Rettung der demokratischen Kultur, sondern um Interessen.

Politiker sollten Sportsmänner sein. Der Wettkampf um das bessere Argument wird auf dem öffentlichen Spielfeld ausgetragen. Dabei gelten Regeln, die von allen akzeptiert werden. Möge der Bessere gewinnen. So in etwa sieht das Idealbild der demokratischen Streitkultur aus. Dahinter steht ein Gentleman-Ideal, letztlich geht es um Ritterlichkeit. Beide Wettkämpfer sind davon überzeugt, dass auch jeweils der Andere nicht aus Eigennutz handelt, sondern sich dem höheren Gut verpflichtet weiß, dem Gemeinwohl. Lediglich der richtige Weg dorthin ist strittig. 

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War nun das Duell zwischen Thüringens CDU-Chef Mario Voigt und Björn Höcke, der die AfD zumindest zur in Umfragen stärksten Partei in seinem Bundesland gemacht hat, die große Bestätigung dieses Ideals? Feiert die Westminster-Demokratie ausgerechnet zwischen Weimar, Erfurt und Jena ein Revival? Es ist ein gutes Zeichen, wenn wir uns nach dieser Westminster-Demokratie zurücksehnen, die freilich auch schon lange nicht mehr im Londoner Parlament praktiziert wird.

Die Stärke des Prinzips der Personalität

Denn diese Sehnsucht reicht tiefer als nur bis zur Hoffnung auf eine faire Streitkultur. Hier zeigt sich die Stärke des Prinzips der Personalität. Wir sehnen uns nach integren Personen, die nicht nur als Funktionäre bestimmter Interessengruppen agieren, sondern einem Ethos folgen und nach dem ihr Handeln ausrichten. 

Soweit zu dem Ideal, von dem, das mögen die Historiker unterschiedlich deuten, gar nicht so klar ist, ob es jemals in seiner Reinform wirklich umgesetzt worden ist. 

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Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Bei dem Duell Voigt gegen Höcke ging es jedenfalls nicht um die Rettung der demokratischen Kultur, sondern um Interessen. Und das ist auch gut so. Denn das ist der politische Blick. Bei aller Sympathie für das oben skizzierte Idealbild, es kann auch dazu verwendet werden, eigentliche Machtinteressen zu verschleiern. Macht ist aber der Kern der Politik. Sicher, wir wünschen uns Personen, die diese Macht erringen wollen, um mit ihr ehrenwerte Ziele zu erringen.

Wichtig, dass sich Voigt dem Duell gestellt hat

Die Machtoption in Thüringen heißt: Wer wird Ministerpräsident – du oder ich? Und unabhängig davon, wie man Björn Höcke bewerten mag, er hat diese Option. Deswegen war es richtig, dass sich Voigt diesem Duell gestellt hat. Er hat Höcke so dazu gezwungen, in der politischen Arena Farbe zu bekennen. Höcke stilisiert sich wie kaum ein anderer Politiker in Deutschland. Für seine Anhänger ist er ein Retter. Für seine Feinde die Karikatur eines Nationalisten.

Beide Extrem-Bilder helfen letztlich vor allem Höcke. Denn so polarisiert er schon, ohne sich überhaupt zur Tagespolitik geäußert zu haben. Er ist so etwas wie die fleischgewordene Gretchenfrage der deutschen politischen Kultur. Im Duell hat Voigt ihn aus diesen Sphären heruntergeholt auf den Boden der Tatsachen. Höcke wirkte nicht dämonisch, sondern durchschnittlich. 

Trotzdem ist dieses Duell nicht automatisch zum Muster-Modell für die Auseinandersetzung mit der AfD geworden. So sehr die Sehnsucht nach dem Westminster-Ideal auch drückt, aber Höcke ist eben kein Gentleman. Und zumindest in dieser Hinsicht ist er für die Führungsmannschaft der Blauen repräsentativ. Mario Voigt hatte vielleicht mehr Glück als tatsächliche rhetorische Überzeugungskraft. Jedenfalls hat er jetzt wirklich eine Option auf die Erfurter Staatskanzlei. Politisches Handeln erweist sich oft erst im Nachhinein als klug.

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