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Atomkraft-Debatte: Erst die Fakten, dann die Moral

Wären die Grünen vernünftig, würden sie auf Experten wie den Physik-Nobelpreisträger Steven Chu hören – und den Atomausstieg revidieren.
Wirtschaftsminister Robert Habeck
Foto: IMAGO/Christian Spicker (www.imago-images.de) | Robert Habeck hat durchaus viel in seinem Leben geleistet. Was ihm - wie auch so vielen seiner Kollegen – fehlt, ist nicht Leistung, sondern Kompetenz.

Der eine ist Professor für Physik und Träger des Physiknobelpreises, der andere ist Doktor der Philosophie und Kinderbuchautor. Wer von beiden versteht wohl mehr von Atomphysik? Der Erstere, möchte man meinen, nur leider ist Letzterer für die Verwendung beziehungsweise Nichtverwendung von Atomkraft in Deutschland zuständig.

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Hier zeigt sich mal wieder, dass der viel gebrauchte Slogan „Leistung muss sich lohnen“ irreführend ist, denn Robert Habeck hat durchaus viel in seinem Leben geleistet. Es erfordert enorme Zeit und Energie, sich in einer Partei an die Spitze zu kämpfen, sich dort zu halten und aus einem Wahlkampf schließlich als Minister hervorzugehen. Was Herrn Habeck – wie auch so vielen seiner Kollegen – fehlt, ist nicht Leistung, sondern Kompetenz.

Der Entscheidungsprozess um den Ausstieg muss transparent gemacht werden

Auf diese könnte der Minister nun in geballter Form zugreifen, indem er auf besagten Professor Steven Chu hört, der unter Barack Obama selbst Energieminister war – was übrigens beweist, dass in anderen Ländern Posten durchaus nach Kompetenz vergeben werden. Chu legte kürzlich in einem Interview überzeugend dar, dass die Energiewende in Deutschland ohne Atomkraft nicht gelingen werde. Auf die Frage, warum so viele Klimaforscher die Kernkraft ablehnen, meinte er ganz lapidar: „Man kann sich um das Klima sorgen und trotzdem abstruse Ideen haben.“ Allerdings warf er den Grünen ganz offen vor, Falschinformationen zu verbreiten und erklärte: „Wenn diese Leute vernünftig wären, was viele nicht sind, dann würden sie die Atomenergie der Alternative vorziehen.“

Natürlich wurde er auch auf die Gefahren der Atomkraft angesprochen. Chu leugnet diese keineswegs, mahnt aber an, sie im Vergleich zu bewerten. Betrachte man die Todesfälle pro erzeugter Terawattstunde Strom, so liegt die Braunkohle bei 33 Todesfällen, die Kernenergie lediglich bei 0,03 und damit sogar noch leicht vor der Windenergie. Hier wäre es also Zeit für das Motto von Boris Palmer: „Erst die Fakten, dann die Moral“ – aber der ist ja nicht mehr bei den Grünen.

Praktischerweise hat das Verwaltungsgericht Berlin gerade geurteilt, dass die Dokumente zum Atomausstieg, die bisher unter Verschluss gehalten wurden, öffentlich zugänglich gemacht werden müssen. Damit wird der Entscheidungsprozess rund um den Ausstieg endlich transparent. Wer weiß: Vielleicht bringt Einsicht ja Einsicht. Fehler zu revidieren ist nicht unmöglich, wie Professor Chu aus Erfahrung sagen kann: Den Gouverneur von Kalifornien, der ebenfalls komplett aus der Atomenergie aussteigen wollte, konnte er erfolgreich vom Gegenteil überzeugen. 

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