Frankfurt am Main

Genozid an den Armeniern: Gedenkveranstaltungen von Drohungen überschattet

Zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich musste ohne einen der Hauptredner erfolgen.

Völkermord an den Armeniern
Völkermord an den Armeniern: Schwierige Gedenkkultur in Europa. Foto: dpa

Es sollte eine englischsprachige Gedenkrede für die bis zu 1,5 Millionen armenischen Opfer werden, die vor 104 Jahren in der Türkei systematisch ermordet wurden, ein Vortrag über die Perspektiven der Institutionalisierung des Gedenktags in Deutschland am Beispiel Frankreichs.

Absage wegen akuter Sicherheitsbedenken

Der vorgesehene Redner, Herr Mourad Franck Papazian, Co-Präsident des Koordinierungsrates der Armenischen Vereine in Frankreich, hatte selbst einen wichtigen Beitrag zur Ausrufung des 24. April als eines nationalen Gedenktag in Frankreich für die Opfer des Genozids an den Armeniern geleistet. Doch der prominente Hauptredner der zentralen Gedenkfeier in Frankfurt am Main musste wenige Stunden vor der Veranstaltung seine Teilnahme wegen akuter Sicherheitsbedenken absagen. Er habe eine Warnung der französischen Sicherheitspolizei erhalten, dass er eine Zielscheibe türkischer Extremisten in Deutschland werden könnte. Zuvor hatte bereits eine Gedenkveranstaltung im Baden-Württembergischen Bad Cannstatt wegen eines möglichen Anschlags auf die Lutherkirche aus Sicherheitsgründen verschoben werden müssen.

Zentralrat der Armenier : "Neue Dimension von Einschüchterungsversuchen"

Nach den Zwischenfällen in Bad Cannstatt und in Frankfurt, muss der Zentralrat der Armenier in Deutschland nun in die Diskussion einsteigen. Der Vorsitzende, Herr Dr. Owassapian, bezeichnete die Vorfälle als „eine neue Dimension von Einschüchterungsversuchen gegenüber den armenischen Gemeinden in Deutschland“, die von der deutschen Regierung viel zu wenig beachtet und ernstgenommen werden würden: „Es ist eine Schande, dass das Gedenken an die Opfer eines Völkermordes durch Drohungen und Störungen beeinträchtigt und behindert wird“.

Importprodukt Armenier-Hass

Dies sei nicht nur ein „Armutszeugnis für die deutsche Demokratie“, sondern auch „eine Widerspiegelung des aus der Türkei systematisch exportierten und in Deutschland viel zu lange tolerierten Armenier-Hasses. Wir sind alle zutiefst bestürzt und schockiert, dass so etwas in Deutschland geduldet wird und niemand seine Stimme erhebt“. „Man fragt sich“, so Owassapian, „wo nach der Bundestagsresolution des Jahres 2016 die klaren und lauten Verurteilungen aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft bleiben“. Trotz der Resolution und der darin offiziell eingestandenen Mitschuld am Völkermord an den Armenier setzt sich die Bundesrepublik Deutschland mit diesem Teil ihrer Geschichte nicht ansatzweise auseinander.

Türkische Leugnungspolitik hat in Europa neue Dimensionen erreicht

Offenbar können die Armenier in Deutschland nicht einmal ungestört an die Vorfahren und die Opfer des Völkermords gedenken. Die türkische Leugnungspolitik hat damit in Europa neue Dimensionen erreicht. Gegen die systematisch verfolgte Leugnungspolitik der Türkei brauchen wir gerade deswegen eine Institutionalisierung der Erinnerung an den Genozid an den Armeniern in Deutschland. Die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern muss Teil des erinnerungspolitischen Diskurses in Deutschland und Europa werden, so der Zentralrat der Armenier in Deutschland.

DT (jobo)

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