Der Sommer war sehr groß. Auch in den Medien. Lodernde Waldbrände, austrocknende Flüsse, verdorrte Felder, glühende Städte waren die Protagonisten der Hitzeberichterstattung. In die Berichte und Kommentare war dabei in der Regel ein moralischer Subtext eingewoben: Nicht eine Laune der Natur hat uns diese apokalyptischen Temperaturen beschert, wir selbst haben das Feuer angezündet, das unsere Städte in Glutöfen verwandelt und die Landschaft in eine trocken knisternde Steppe. Und obwohl wir längst wissen, dass die Natur uns den Spiegel für unser Verhalten vorhält, ändern wir es nicht.
Die Regierung werde „alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen“, sagte Kanzler Merz bei einer Besichtigung der verkohlten Reste des Hürtgenwaldes. Wenige Tage später, bei der Kabinettsklausur in Neuhardenberg, beschwor er den Industriestandort Deutschland und versprach: „Diese Stärken wollen wir nutzen, um das Wachstum von morgen zu ermöglichen.“ – Und niemand stellte die Frage, wie denn das eine mit dem anderen zu vereinbaren sei. Dass sich Klimaschutz und Wirtschaftswachstum zur Fortschrittsfigur des „nachhaltigen Wachstums“ miteinander verschränken lassen, erscheint als so selbstverständlich, dass man die suggestive Kraft dieser Formel nur bewundern kann. Sie hat sich so tief in das kollektive Mindset eingeschrieben, dass der Widerspruch nicht mehr empfunden wird. Welche Zaubermittel haben das möglich gemacht? Wie gelang es, den Widerspruch zu einem funktionalen Zusammenhang umzudeuten, sodass nunmehr von Wirtschaftswachstum durch Klimaschutz die Rede sein kann?
Permanentes materielles Wachstum ist eine physikalische Unmöglichkeit
Was die Formel leistet, wird erkennbar, wenn man sich die Bedeutung des Nachhaltigkeitsbegriffs klarmacht. Er geht von der Einsicht aus, dass permanentes materielles Wachstum eine physikalische Unmöglichkeit darstellt. Das erklärt sich aus den physischen Grenzen, die die natürliche Welt besitzt. Das Konzept der Nachhaltigkeit reagiert auf diesen Zusammenhang. Praktisch zielt es auf die Herstellung eines stabilen Gleichgewichts zwischen den Ressourcen und ihrer Nutzung: Aus einem Hektar Buchenwald können in einem Jahr 8,7 Kubikmeter Holz geerntet werden, mehr wächst im nächsten Jahr nicht nach. Eine echte Nachhaltigkeitsökonomie würde folglich die Begrenzung materieller Ansprüche verlangen, das Wirtschaften mit Beständen, den Umgang mit den physischen Beschränkungen künftiger Knappheit. Statt Gewinnmaximierung ist Auskömmlichkeit die Norm ökonomischen Handelns. Darin ist die Nachhaltigkeitsidee geradezu die Antithese zum Wachstumsbegriff.
Wie lässt sich nun eine so verstandene Nachhaltigkeit mit der kapitalistischen Logik des Werts vereinbaren, wie das Försterwort ohne Bedeutungsverlust in die Sprache des Marktes integrieren, deren Leitvokabeln Wettbewerbsfähigkeit, Wachstumspotenzial, Produktivitätssteigerung und Absatzmarkt sind? Die Antwort lautet: Gar nicht. Als kultureller Mechanismus verbindlich etabliert, würde das Nachhaltigkeitsgebot die Eigenbewegung des Marktes so „nachhaltig“ bremsen, dass es mit der marktwirtschaftlichen Entwicklungsdynamik vorbei wäre. Die Ökonomie käme unter die Kontrolle eines neuen normativen Zentrums, ihre Autonomie wäre in der Ganzheitlichkeit einer normintegrierten Subsistenzwirtschaft aufgehoben.
Der Begriff der Nachhaltigkeit lässt sich also nur um den Preis seiner Entleerung mit dem Begriff des Wachstums zusammenspannen. Wir spüren die Floskelhaftigkeit der Nachhaltigkeitsrede. Allerdings schwingt in ihr nicht selten auch hoffnungsfrohe Erwartung mit, ein Hinweis darauf, dass dem technischen Fortschritt eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der ökologischen Krise zugedacht ist. Was heute noch nicht zusammenpasst (Wachstum und Nachhaltigkeit), wird dieser Fortschritt einst zu einer harmonischen Einheit zusammenfügen.
Technischer Fortschritt als Erlöser?
Der technische Fortschritt begegnet hier in der Rolle des Erlösers. Weil dessen realhistorische „Erscheinung“ in Gestalt einer konkreten, alle Widersprüche auflösenden technischen Entwicklung noch im Nebel der Zukunft liegt, ist eine Leerstelle vorhanden, die obsessiv mit dem Begriff „Innovation“ gefüllt wird. Lediglich die Richtung ist klar: „Ressourcenproduktivität“ und „naturverträgliche Technologie“ sollen die Lösung des Problems bringen. Das menschliche Naturverhältnis soll sich transformieren, die brachiale Unterwerfung der Natur zum Zwecke der Ausbeutung abgelöst werden von der aus überlegener Einsicht vollzogenen Umkehrung eines elementaren Machtverhältnisses: Wo die physischen Grenzen verlaufen, bestimmt nicht die naturale Welt, sondern die Technologie, die sie überwindet. Die Botschaft lautet: Wir können die Bedingung der Möglichkeit nachhaltigen Wachstums herstellen, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch lassen sich entkoppeln, materieller Zuwachs ohne ökologische Plünderung ist möglich! Diesen schönen Konsens stören nur selten Stimmen wie die von Paul Kingsnorth („Dunkle Ökologie“); die Überlegung, dass losgelassene Technik ein erhebliches Potenzial zur Problemverschärfung besitzt, also nicht „neutral“ ist, schafft es kaum einmal aus der tiefenökologischen Nische heraus.
Die Geschichte erscheint in der Perspektive des technischen Ressourcendenkens als Erlösungsgeschichte, alle Antinomien der Gegenwart heben sich kraft innovativer Technik in der Zukunft auf. In dynamischer Progression strebt sie einem Ziel zu, in dem sie sich erfüllt. Unter der Oberfläche der Fortschrittsvorstellung schimmert, ob man das zur Kenntnis nimmt oder nicht, ein diffuses Stück Geschichtsmetaphysik durch.
Wo jetzt noch Natur ist, soll Vernunft sein, wo Spontaneität ist, soll Konstruktion walten. Die Idee des nachhaltigen Wachstums verlängert das Projekt der Moderne, ihr Streben nach vollständiger Beherrschung der Natur auf der Grundlage von Wissen, weiter in die Zukunft. Einen Preis werden wir gleichwohl zu zahlen haben: In der Logik der bewusst ins Totale ausgreifenden Planung liegt es, dass der technische und ökonomische Zugriff auf die Umwelt sich weiter verschärfen wird. Bei einer längeren Auto- oder Bahnfahrt lässt sich schon heute intensiv wahrnehmen, wie technisches Ressourcendenken Natur und Landschaft zur bloßen Hilfsquelle für die Befriedigung unserer materiellen Ansprüche reduziert. Unter dem Namen „Energiewende“ laufen die Veränderungen vor unseren Augen ab. Der Wachstumsgedanke bleibt das Hauptmotiv in diesem Prozess.
Ein kleiner Schritt
Das zeigt sich in der Beschwörung von Entwicklungsdynamik, die nicht abbrechen darf, und in Metaphern der Beschleunigung, die einen Zwang zur permanenten Flucht nach vorn verraten. Die Einfügung des Nachhaltigkeitskonzepts in das Fortschrittsparadigma löst alle Zielkonflikte auf: Wachstum soll uns in eine „klimaneutrale“ Zukunft tragen, sind die Raten hoch, geht es schneller, stagniert die Produktivität, hängen wir in der dreckigen Gegenwart fest. Empirie kann dieser Erzählung nichts anhaben, z.B. die Einsicht, dass ein gesunkener Stoffdurchsatz infolge der momentanen Wachstumsschwäche für den Rückgang des CO2-Ausstoßes verantwortlich ist. Von hier aus wäre es nur noch ein kleiner Schritt zur Dekonstruktion der Erzählung. Doch die Rede vom „nachhaltigen Wachstum“ ist für unsere Gesellschaft das, was für den Einzelnen eine Lebenslüge ist. Sie ist eine Selbsttäuschung, die das bequeme Weiterso legitimiert. Wir leben in der Unwahrheit, aber wir können nicht anders.
Wie ist es sonst zu erklären, dass auch über fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von „Grenzen des Wachstums“ noch immer keine Kehrtwende geschafft wurde? Dass umwelt- und klimapolitische Ziele regelmäßig nicht erreicht werden? Dass in ermüdender Wiederholung eine Kluft zwischen Erkenntnis und Handeln konstatiert wird? Der Historiker Rolf Peter Sieferle bietet eine ernüchternde Erklärung für diese Diskrepanz an. Könnte es nicht sein, fragt er in seinem Großessay „Rückblick auf die Natur“, dass das stofflich-energetisch-industrielle System über eine evolutionäre Eigendynamik verfügt, die sich jenseits von kulturellen und politischen Organisationsformen vollzieht? Die Vermutung liegt jedenfalls nahe, dass wir es mit einem Naturschauspiel zweiter Ordnung zu tun haben. Wir können nur zur Kenntnis nehmen, dass kein Subjekt auf dem Niveau agieren kann, auf dem dieser Prozess sich organisiert. Sämtliche Versuche, die physische Dynamik dieses Prozesses einer Steuerung oder gar Planung zu unterwerfen, scheiterten bisher, sie wurden ungeachtet ihrer Intentionen von dem Prozess absorbiert oder verstärkten ihn sogar. Der Mythos des nachhaltigen Wachstums täuscht uns über diese Wahrheit hinweg.
Man merkt Sieferles Erklärung die Schule des materialistischen Denkens an, durch die er gegangen ist. Die historische Entwicklung betrachtet er dennoch nicht als ein vollständig determiniertes Geschehen, die Zerstörung nicht als unaufhaltsam. Im „Spiel der kulturellen Musterbildung“ seien große Freiheitsgrade vorhanden, ohne dass aus diesen Spielräumen der Freiheit eine Machbarkeit der Geschichte resultieren würde. Was also kann man tun? Fundamentale Orientierung bietet eine Formel des Naturphilosophen Klaus Michael Meyer-Abich, die den Horizont des eigenen Handelns skeptisch beschränkt, ohne dass sie in die Erstarrung des Nichtstuns führt: „Es gehört zum Ablauf der Geschichte, deren Subjekt wir nicht kennen, dass wir uns im Namen dieses Subjekts fragen, was wir tun sollen.“
Der Autor ist Lehrer für Geschichte und Latein an einem Schweriner Gymnasium.
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