Die Krise der Familie ist nach Ansicht des norwegischen Bischofs Erik Varden Ausdruck einer tieferen Krise des Menschenbildes. Nach dem vom 7. bis 14. Oktober im Vatikan veranstalteten Bischofstreffen zum zehnten Jahrestag von „Amoris laetitia“ hat der Bischof von Trondheim und Vorsitzende der Nordischen Bischofskonferenz seine persönlichen Überlegungen auf seiner Webseite „Coram Fratribus“ veröffentlicht.
„In bemerkenswert kurzer Zeit haben wir unser kollektives Verständnis des Menschseins verloren“, schreibt Varden. Zwar seien Familien zahlreichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Belastungen ausgesetzt. Das eigentliche Problem liege aber tiefer: Es gebe kaum noch ein gemeinsames Verständnis davon, was einen Mann, eine Frau oder ein Kind ausmache.
„Die Vorstellung einer dauerhaften Bindung jeglicher Art“ erscheine heute „absurd“. Wie in Politik und Handel würden auch zwischenmenschliche Beziehungen zunehmend als „pragmatische Transaktionen“ betrachtet: „Ich bleibe bei etwas oder jemandem, solange ich daraus Nutzen oder Vergnügen ziehe. Dann gehe ich weiter.“
Mehr als Begleitung
„Wir befinden uns in einer metaphysischen Finsternis“, stellt Varden fest. Der Verlust des Glaubens an Gott habe auch das Verständnis des Lebens als Geschenk erschüttert. Allerdings beobachte er einen „Gegentrend“: Viele junge und ältere Menschen seien des Vergänglichen überdrüssig. Sie wagten zu glauben, dass es eine Wahrheit gebe, auf die sie ihr Leben aufbauen könnten.
Diese Menschen erwarteten von der Kirche mehr als bloße Begleitung. Sie wollten zwar mit Aufmerksamkeit und Respekt behandelt werden, „aber was sie wirklich wollen, ist Orientierung, die Angabe eines Ziels und die Anleitung, wie man gut lebt“. Christus sei nicht nur Erlöser, sondern auch das Urbild, das den Menschen sich selbst offenbare. Die Seelsorge sei nur wirksam, wenn sie Christus gehorsam bleibe.
Als besondere Herausforderung für junge Menschen bezeichnet Varden die weitverbreitete Pornografie. Sie beeinflusse massiv den emotionalen Umgang miteinander und erschwere die Fähigkeit, eine dauerhafte Beziehung zu einem „konkreten, fehlbaren, bedürftigen Menschen“ einzugehen. Auch die Geschlechterfluidität betrachtet er als Ausdruck einer Kultur, in der das momentane Verlangen über die objektive Wirklichkeit gestellt werde. Zugleich sehnten sich viele junge Menschen nach Freundschaft und beständiger Liebe. „Ich behaupte nicht, dass sie den Mainstream repräsentieren; aber sie sind zahlreich genug, um einen Trend zu belegen.“
Leiden und Verzicht gehören dazu
Die Ehevorbereitung müsse deshalb jungen Menschen helfen, ihre Identität als Mann oder Frau anzunehmen. Die christliche Botschaft laute: „Ich bin mein Körper, und mein Körper ist ebenso wie meine Seele nach dem Bild Gottes geschaffen und verdient Ehrfurcht.“ Varden berichtet von einem Paar, das sich vor der Hochzeit gegenseitig seine gesamte Lebensgeschichte mit allen Licht- und Schattenseiten erzählt habe. Auf diese Weise hätten sie verhindern wollen, dass später Schwierigkeiten aus einer verschwiegenen Vergangenheit entstünden.
Die Ehe sei zudem untrennbar mit dem Kreuz Christi verbunden. Zur ehelichen und elterlichen Liebe gehörten Leiden und Verzicht. Wenn dies von Anfang an akzeptiert werde, könnten schwere Belastungen bewältigt werden. Die sakramentale Ehe sei nicht nur eine Verbindung zwischen Mann und Frau, sondern ein lebendiges Bild der Kirche. Klösterliches und das eheliche Leben spiegelten einander wider. Denn sie seien „Schulen der Bekehrung“. Wie Mönche müssten auch Eheleute lernen, Schwierigkeiten als Gelegenheiten zu betrachten, den eigenen Egoismus zu überwinden.
Treue bezeugt christliche Hoffnung
Menschen in „irregulären“ Beziehungen sollten in katholischen Gemeinden ihren Platz finden. Für sie könne es befreiend sein, wenn ihre Situation anerkannt, aber nicht relativiert werde und sie dennoch mit christlicher Freundschaft aufgenommen würden. Varden würdigt dabei Gläubige, die bei der Kommunion lediglich einen Segen empfangen, weil sie wissen, dass sie nicht zum Sakrament zugelassen sind. Ihre Treue sei ein Zeugnis christlicher Hoffnung.
Als wichtigste missionarische Aufgabe der Familie bezeichnet Varden ihre Beständigkeit. Durch lebenslange gegenseitige Treue machten Eheleute Gottes Liebe sichtbar. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, Kinder anzunehmen. Angesichts sinkender Geburtenraten müsse die Kirche Familien ermutigen, Ja zum Leben zu sagen. „Das letzte Wort haben Tevje und Golde“, schließt Varden seine Überlegungen. Er bezieht sich auf das Musical „Anatevka“, in dem der Milchmann Tevje seine Frau Golde nach 25 Ehejahren fragt, ob sie ihn liebe. Golde verweist auf die gemeinsamen Kinder, die alltägliche Arbeit und die zusammen durchgestandenen Entbehrungen. Wenn das keine Liebe sei, was dann?
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