Der amerikanische Soziologe Chris Bail hat vor einigen Jahren ein interessantes Experiment durchgeführt: Er ließ Anhänger der Demokraten und Republikaner einen Monat lang ausschließlich Social-Media-Beiträgen der jeweils anderen Partei folgen. Das Ergebnis war erstaunlich: Anstatt sich einander politisch anzunähern, rückten die Teilnehmer der Studie noch weiter auseinander.
Daraus folgerte er, soziale Medien seien für die meisten Menschen kein Informationsraum, sondern ein Spiegel ihrer Identität. Wird diese Identität angegriffen, verteidigt man sich. Das erklärt den Umstand, dass politische Bildung und Information bei den Wählern extremer Parteien nicht verfangen. Man kann eben Fakten nicht gegen Gefühle ausspielen. Was unserer Gesellschaft heute fehlt, ist nicht Aufklärung oder Information, sondern die Übereinstimmung, dass Fakten Grundlage von Entscheidungen sein sollten.
Die Aufklärung war davon geprägt, dass Menschen sich auf Fakten einigten und auf dieser gemeinsamen Grundlage politisch stritten und unterschiedliche weltanschauliche Präferenzen zutage treten konnten. Das hat sich in den vergangenen Jahren völlig verändert. Eine Öffentlichkeit, in der für jeden Einzelnen Nachrichten personalisiert zusammengestellt werden, hat keine gemeinsame Informationsbasis mehr. Damit entfällt die Grundlage für sachorientierte Debatten. Die Sprache benutzt zwar noch dieselben Wörter, aber sie werden nicht mehr verstanden, weil sie ganz andere Dinge meinen.
Damit geht eine zivilisatorische Errungenschaft verloren, ohne die es Demokratie nicht geben kann: die gemeinsame Sache, das Verständnis des Gemeinwohls.
Für gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten, heißt deshalb heute zuerst, das Fundament zu verteidigen, auf dem gestritten werden kann: die Wahrheit.
Eine andere politische Ordnung
Was dabei auf dem Spiel steht, verrät schon der Name. Eine „Alternative für Demokratie“ (AfD) fordert keine andere Politik in der Demokratie, sondern letztlich eine andere politische Ordnung als die Demokratie: nämlich den autoritären Staat. Ein solcher Staat verfälscht die Grundsätze der katholischen Soziallehre. Menschenwürde gilt dann nicht jedem, sondern denen, die dazugehören dürfen; Subsidiarität meint dort das Dulden von Übergriffen gegen Minderheiten statt die Freiheit der kleinen Einheit; Solidarität endet an der Volksgrenze; Gemeinwohl wird zum Wohl derer, die andere als fremd definieren. Dieselben Wörter, doch sie bezeichnen das Gegenteil.
Dagegen hilft weder Wählerbeschimpfung noch ein Verbotsverfahren.
Zusammenhalt entsteht nur dadurch, dass alle, Politiker und Wähler, einander ermutigen, gemeinsam daran zu arbeiten, dieses Land besser zu machen – samt dem Eingeständnis, dass sich nicht jedes Problem lösen lässt. Aber wer sagt, was er nicht kann, dem glaubt man, was er tut.
Demokratie lebt nicht von der Einigkeit, aber vom Einstehen für die gemeinsame Sache. Einzig darüber darf nicht gestritten werden!
Der Autor ist Priester, Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis.
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