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Attische Arktis

Von Thukydides lernen: Der Streit um Moral in der Außenpolitik und die Herrschaft der Mächtigen ist ein geistesgeschichtlicher Klassiker. Aber kennt Trump den Melierdialog?
Grönland
Foto: IMAGO/Maria Semyonova (www.imago-images.de) | Insel mit Kriegsschiff: Heute Grönland, damals Melos?

Es ist der Winter des Jahres 431 vor Christus. Der Peloponnesische Krieg hatte begonnen und auf dem Kerameikos-Hügel wendet sich Perikles an die Athener, um die ersten Gefallenen zu ehren und die freiheitlich-demokratischen Tugenden Athens zu loben: „Unsere Staatsverfassung richtet sich nicht nach den Gesetzen anderer, sondern wir selbst sind ein Vorbild für viele, die uns nachahmen.“ Das attische Staatswesen war eine gewagte Innovation und die Rede des Perikles ist als Grundplädoyer für Demokratie und Freiheitsliebe in die Geschichte eingegangen. Freiheitlich und demokratisch war Athen allerdings nur nach innen – außenpolitisch agierte der Stadtstaat im attischen Seebund als Einzelherrscher, der seine Verbündeten derart in die Abhängigkeit getrieben hatte, dass sie nicht einmal die Wahl hatten, das Bündnis zu verlassen.

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Überdeutlich trat dies nur 15 Jahre später hervor: Im Sommer des Jahres 416 verleiben die Athener sich die Insel Melos ein. Die Melier waren ein kleiner und wehrloser Staat, der im bisherigen Kriegsverlauf in strikt schweizerischer Manier neutral geblieben war. Thukydides berichtet in seinem bekannten Melierdialog ausführlich davon, wie Athen sich nicht einmal die Mühe macht, Begründungen für die unprovozierte Eroberung zu erfinden: Die Melier werfen den Athenern Rechtsbruch vor – die Athener lehnen sich zurück und postulieren, Recht könne es nur unter gleichstarken Parteien geben; Melos beruft sich auf die von den Göttern eingesetzte gerechte Ordnung der Welt – Athen postuliert seine neue Weltordnung, nämlich das Herrschaftsrecht des Mächtigen. Kurzum: Das Nützliche ersetzt das Gerechte. Während die Rede des Perikles die Tugenden einer jungen Demokratie herausstellt, illustriert die Melos-Episode die außenpolitische Tyrannis – ein wiederkehrendes Motiv.

Während 1863 noch Abraham Lincoln in seiner Gettysburg Address Bezug auf Perikles nahm, scheint der amtierende Präsident der USA eher für einen zweiten Melierdialog zu proben: Der Schauplatz verlagert sich von der Ägäis in die Arktis, statt um eine sonnige Kleininsel geht es um die größte Eisblock-Insel der Welt: Grönland. Einen Anlass für den Annexionswunsch gibt es außer plumper Nützlichkeit nicht, einen Anspruch sowieso nicht – außer der spätathenischen Wahnvorstellung des Rechts der Mächtigen. Und die Geduld der Nato wird nicht weniger auf die Probe gestellt als die des attischen Seebundes. Doch Thukydides gab dem Melierdialog nicht deshalb eine Zentralstellung, weil die Insel von strategischer oder wirtschaftlicher Bedeutung gewesen wäre: Sie wurde zum Sinnbild für die Versuchung des Mächtigen, das Recht über Bord der Galeere zu werfen. Und sie stellt den Wendepunkt dar, der den Untergang Athens einläutete: Gleich der erste Feldzug nach der Unterwerfung der Melier endete derart verlustreich, dass die Niederlage der Großmacht unausweichlich wurde. Denn der einstmalige Erfolg Athens war seine Tugend, nicht seine Macht.

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