Die Ilias gilt als Gründungsdokument abendländischer Literatur, in dem zugleich eine seitdem unübertroffene Höhe erreicht wurde. Diese großartige Dichtung ist dominiert von der Willkür der Götter und des Schicksals, von Tod, Hoffnungslosigkeit und einer Brutalität, die jeden Versuch einer Sinngebung oder tröstlichen Abmilderung scheitern lässt. Vermutlich hat sich jede Zeit in der Ilias wie in einem Spiegel wiedererkannt. Dass wir dies auch heute noch können, setzt aber voraus, den Irrtum eines moralischen Fortschritts und einer Humanisierung des Menschen im Laufe der Geschichte zu verabschieden. In ihrem Essay „Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt“ schreibt Simone Weil: Wer zu erkennen vermöge, „dass die Gewalt, heute wie einst, die Mitte ist von jeder menschlichen Geschichte“, der finde in der Ilias „den schönsten, den reinsten Spiegel“.
Wie Wolfgang Matz in dem erhellenden Essay zeigt, der nebst seiner Neuübersetzung von Weils Essay abgedruckt ist, war die Autorin vor 1939 getragen vom Gedanken eines Pazifismus um jeden Preis – selbst um den Preis der Selbstaufgabe der französischen Nation. Doch spätestens mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag am 15. März 1939 revidiert sie diese Ansicht. Konzeption und Niederschrift des Ilias-Essays in den Jahren 1938/39 legen Zeugnis ab von diesem Sinneswandel. Simone Weil erkennt, dass nicht nur die Erkenntnis des Guten zu allen Zeiten und in allen Kulturen möglich ist, sondern auch die Verkennung des Guten in der Machtausübung durch rohe Gewalt. Sie erlangt tiefe Einsichten in die Natur der Gewalt und des Krieges – Einsichten, die Eingang in den Ilias-Essay finden. Dieser Text (publiziert noch während des Krieges in den „Cahiers du Sud“ im Dezember 1940 und Januar 1941) ist zweifellos einer der großen Essays des 20. Jahrhunderts.
Die Gewalt macht jeden zum Ding
Wolfgang Matz legt dar, dass Weil in der Erkenntnis der Universalität der Gewalt und im Hinblick auf die These von der Universalität der Moral eine zeitlose Theorie der Macht und des Krieges entwickelt. Im Hintergrund steht ein Satz des Thukydides, den Simone Weil zwar in ihrem Ilias-Essay nicht erwähnt, dafür aber andernorts zitiert: „Durch eine Notwendigkeit der Natur übt jedes Wesen, soweit es kann, all die Macht aus, über die es verfügt.“
Die äußerste Form der Machtausübung ist für Simone Weil die Gewalt. Gleich auf der ersten Seite ihres Essays schreibt sie: „Die Gewalt ist das, was aus jedem, der ihr unterworfen ist, ein Ding macht.“ Unter der Herrschaft der Gewalt wird der Mensch zum Ding – und wenn er nicht getötet wird, so wartet auf ihn das Unheil der Sklaverei: „Aus der Macht, einen Menschen in ein Ding zu verwandeln, entspringt eine andere Macht, noch viel wunderbarer, nämlich die, ein Ding zu machen aus einem Menschen, der weiterlebt.“
Nicht nur das Opfer, sondern auch den Täter beschädigt die Gewalt: „Ihre Macht, die Menschen zu Dingen zu machen, ist doppelt und wirkt von zwei Seiten; unterschiedlich, doch gleichermaßen versteinert sie die Seelen derer, die sie erleiden, und derer, die sie ausüben.“ An anderer Stelle schreibt Weil: „Die Menschen in der Ilias sind nicht geteilt in Besiegte, Sklaven, Flehende auf der einen Seite, in Sieger, Anführer auf der anderen; es findet sich dort kein einziger Mensch, der nicht in irgendeinem Augenblick gezwungen ist, sich zu beugen unter die Gewalt.“
Die moralische Revolution des Christentums bleibt unerwähnt
Das bisher Zitierte macht bereits deutlich, wie pointiert der Stil von Weils Essay ist. Beim Lesen möchte man nahezu jeden Satz des ungemein dichten Textes unterstreichen. Nichts ist überflüssig, kein Wort oder Satz bloßes Füllsel. Der Essay ist um Zitate aus der Ilias strukturiert, die Weil eigens aus dem Griechischen ins Französische übertragen hat. Für die Einordnung dieser Zitate wird beim Leser die Kenntnis der Ilias vorausgesetzt.
Für den christlichen Leser sind die Parallelen interessant, die Weil zwischen der Ilias und den Evangelien herausarbeitet. Wenn es etwa in der Ilias heißt: „Ares (…) tötet die, welche töten“, so fühlt man sich nahezu wörtlich an den Satz Jesu erinnert: „Wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen.“ (Mt 26,52) Simone Weil resümiert: „So vernichtet die Gewalt jeden, den sie berührt.“ Jeder Verklärung der Gewalt und des Krieges erteilt Weil in ihrem Essay eine Absage.
Trotz der Bezugnahmen auf die Evangelien erwähnt Weil nicht die Lehre von der Ur- und Erbsünde, die aus christlicher Sicht als Hintergrund der Universalität der Gewalt zu berücksichtigen wäre. Weil berührt auch nicht die moralische Revolution, die das Christentum mit sich brachte und die zwar nicht die Universalität der Grausamkeit aus der Welt schaffte, aber immerhin deren unangefochtene Herrschaft brach. Dass wir zu Christus um Frieden beten und so die Düsternis von Homers Bild der Condition humaine durch Hoffnung aufhellen können, bleibt bei Weil – zumindest in diesem Essay – unerwähnt.
Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt. Übersetzt und mit einem Essay von Wolfgang Matz. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2025, 102 Seiten, Klappenbroschur, EUR 12,–
Der Rezensent ist studierter Philosoph und Germanist. Er arbeitet als freier Autor und Lektor.
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