Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar zum Geburtenrückgang

Wir brauchen einen neuen Blick auf Kinder und Familie

Wenn Politik und Medien die positiven Aspekte des Familienlebens ausgeblenden, ist die Verunsicherung der Menschen die logische Folge.
Rückang der Geburten in Deutschland
Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer (www.imago-images.de) | In der Öffentlichkeit stehen in erster Linie die vielen Hindernisse für die Umsetzung des durchaus vorhandenen Kinderwunsches im Vordergrund. Das hat Folgen.

Meldungen zu den Geburtenzahlen in Deutschland kennen seit langem eine Hauptrichtung: bergab. Kamen vor 30 Jahren noch knapp 800.000 Babys auf die Welt (798.447 im Jahr 1990), wurde vor 20 Jahren die Marke von 700.000 Geburten nur noch knapp überschritten (706.721 im Jahr 2003) und zehn Jahre später bereits deutlich unterschritten (682.069 im Jahr 2013).

2021 ging es zwar noch einmal steil bergauf, als 795.492 Kinder geboren wurden, nur zwei Jahre später aber erfolgt der nächste deutliche Einbruch. Wie das Statistische Bundesamt in der letzten Woche verkündete, wurden im Jahr 2023 in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen rund 693.000 Kinder geboren. Der langfristige Trend zum Sinkflug setzt sich also fort.

Von 2013 bis 2023 sank vor allem der Anteil der Geburten der ersten Kinder, während der Anteil der Geburten der dritten und weiteren Kinder stieg und im Jahr 2023 mit 18,7 Prozent auf dem Höchststand seit 2009 lag.

Die mediale Diskussion beherrschen stets dieselben Schlagworte

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung hin zu mehr Geburten dritter und weiterer Kinder kommt dabei den Müttern mit ausländischer Staatsangehörigkeit zu. Bei den Neugeborenen mit deutscher Mutter lagen die Anteile der Erst- und Zweitgeburten mit 48,0 Prozent und 36,2 Prozent deutlich höher als bei ausländischen Müttern (42,4 Prozent bzw. 31,2 Prozent), während der Anteil der Geburten dritter und weiterer Kinder mit 15,8 Prozent im Vergleich zu 26,4 Prozent deutlich geringer war.

Wer nach Gründen für den erneuten Rückgang der Geburtenzahlen sucht, findet in der medialen Diskussion vor allem folgende Schlagworte: Die materielle Unsicherheit in Zeiten von Inflation, Kriegen und Klimawandel wird ebenso genannt wie das schlechte gesellschaftliche Ansehen der Familienarbeit oder die Angst vor Freiheitsverlust und mangelnder Selbstverwirklichung im Beruf. 

Die Politik wirkt zunehmend hilflos, da offensichtlich weder der massive Ausbau der Kindertageseinrichtungen noch das in immer neuen Varianten dargebotene Elterngeld mehr junge Paare zur Familiengründung ermutigt. In Sachen Wohnungsmangel tut sich leider auch nichts. Das von Bundesbauministerin Klara Geywitz verkündete Ziel von 400.000 Neubauten pro Jahr wurde 2022 mit lediglich 295.000 neuen Wohnungen krachend verfehlt, die Zahlen für 2023 will das Statistische Bundesamt Ende Mai veröffentlichen. 

Paare mit Kindern sind glücklicher

So stehen in der Öffentlichkeit in erster Linie die vielen Hindernisse für die Umsetzung des durchaus vorhandenen Kinderwunsches im Vordergrund. Das hat Folgen. Wenn die positiven Aspekte des Familienlebens von Politik und Medien völlig ausgeblendet werden, ist die spürbare Verunsicherung der Menschen die logische Folge. Wer spricht denn davon, dass Kinder das Leben bereichern und die Erwachsenen vieles neu entdecken lassen? Wer weiß, dass nach einer Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Paare mit Kindern doppelt so oft wie Singles ohne Kinder äußern, sie seien sehr zufrieden mit ihrem Leben? Und wem ist bewusst, dass Eltern nicht nur für ihre eigene Zukunft sorgen, sondern sie aktiv mitgestalten? Die Kinder von heute sind schließlich die Lehrer, Ärztinnen, Familienminister oder Kanzlerinnen von morgen – und tragen dort die in der Familie vermittelten Werte weiter.

Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac fasst dies so zusammen: „Wer sagt, es gibt sieben Wunder auf dieser Welt, hat noch nie die Geburt eines Kindes erlebt. Wer sagt, Reichtum ist alles, hat nie ein Kind lächeln sehen. Wer sagt, diese Welt sei nicht mehr zu retten, hat vergessen, dass Kinder Hoffnung bedeuten."

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Cornelia Huber Honoré de Balzac

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