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„Kinder sind ein Geschenk – und nicht ein Problem“

Unter Polizeischutz hält Papst Franziskus eine öffentliche Ansprache über die Stärkung der Familie und die Steigerung der Geburtenrate in Italien.
Papst auf Demographiekonferenz
Foto: IMAGO/Stefano Costantino (www.imago-images.de) | Will jungen und alten Menschen Mut zur Familie machen: Papst Franziskus auf dem Demographie-Kongress in Rom.

Zum vierten Mal ist in Rom ein Bündnis zur Förderung der Geburtenrate in Italien zusammengekommen. Es trägt den etwas ungewöhnlichen Namen „Stati generali della natalità“ (Generalversammlung zur Geburtenrate), da es von mehreren staatlichen Einrichtungen – unter anderem der Stadt Rom und der Region Latium – sowie mehreren privaten, meist katholisch geprägten Familienverbänden und -stiftungen getragen wird. Bereits im vergangenen Jahr war der Papst gemeinsam mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bei den „Stati generali“ aufgetreten. „Wenn wenig Kinder geboren werden, gibt es wenig Hoffnung. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft, sondern bedroht das Vertrauen in die Zukunft“, warnte Franziskus damals. Giorgia Meloni versprach bei der Gelegenheit, die Politik werde ihren Teil dazu beitragen, in Italien „den Winter des Geburtenrückgangs zu besiegen“.

Am vergangenen Donnerstag war nun die italienische Familienministerin Eugenia Roccella zu Gast, konnte aber ihren Beitrag nicht vortragen, da eine Gruppe von etwa zwanzig Aktivistinnen die Ministerin am Reden hinderte. Sie riefen „Schande“ oder „Über meinen Körper entscheide ich“, bis Roccella abzog, um den Fortgang der Veranstaltung zu ermöglichen.

Am Freitagmoren stand dann Papst Franziskus auf dem Programm. Diesmal hatten sich die Demonstranten zu einem Protestzug auf der Straße versammelt und versuchten zum Veranstaltungsort durchzubrechen. Die „Stati generali“ fanden in einem Auditorium auf der Via della Conciliazione statt. Doch bis dorthin konnten die Störer nicht vordringen und lieferten sich Handgemenge mit den zahlreich aufgezogenen Polizeikräften. Unter deren Schutz hielt Franziskus seine Ansprache vor einem überwiegend jugendlichen Publikum, die aufgrund der Krawalle in den italienischen Medien stark wahrgenommen wurde und die wir im Folgenden in einer eigenen Arbeitsübersetzung veröffentlichen.

Der Papst im Wortlaut:

Es ist schön, wenn man applaudiert, wenn man „Guten Morgen“ sagt, denn so oft grüßen wir uns nicht. Es ist gut, dem „Guten Morgen“ zu applaudieren. Und danke an Gianluigi und alle, die für diese Initiative arbeiten. Ich freue mich, wieder bei Ihnen zu sein, denn wie Sie wissen, liegt mir das Thema der Geburt sehr am Herzen. Jedes Geschenk eines Kindes erinnert uns nämlich daran, dass Gott Vertrauen in die Menschheit hat, wie der Titel dieser Veranstaltung sagt: „Da sein, mehr Jugend, mehr Zukunft“. Unser „Dabeisein“ ist nicht das Ergebnis eines Zufalls: Gott hat uns gewollt, Gott hat ein großes und einzigartiges Projekt für jeden von uns, niemanden ausgenommen. In dieser Perspektive ist es wichtig, zusammenzukommen und gemeinsam daran zu arbeiten, die Geburtenrate mit Realismus, Vision und Mut zu fördern. Ich möchte ein wenig über diese drei Schlüsselwörter nachdenken.

Das Schlüsselwort Realismus

Erstens: Realismus. In der Vergangenheit hat es nicht an Studien und Theorien gefehlt, die vor dem Wachstum der Zahl der Erdenbewohner warnten, da die Geburt zu vieler Kinder zu einem Ungleichgewicht der Wirtschaft führen würde, zum Mangel an Ressourcen und zur Umweltverschmutzung. Es ist mir immer aufgefallen, wie diese Thesen, die heute veraltet und längst überholt sind, über den Menschen sprachen, als ob er ein Problem wäre. Aber das menschliche Leben ist kein Problem, sondern ein Geschenk. Und die Ursache für Umweltverschmutzung und Welthunger ist nicht die, dass Kinder geboren werden, sondern es sind die Entscheidungen derer, die nur an sich selbst denken, der Wahn eines Materialismus, eines zügellosen und blinden Konsumverhaltens, das wie ein böser Virus die Wurzeln der Existenz von Menschen und Gesellschaften untergräbt. Das Problem ist nicht, wie viele von uns es auf der Welt gibt, sondern welche Welt wir bauen – das ist das Problem. Es sind nicht die Kinder, sondern es ist der Egoismus, der Ungerechtigkeit schafft und Strukturen der Sünde. Der Egoismus macht taub für die Stimme Gottes, der zuerst liebt und lehrt, wie man lieben soll, und für die Stimmen der Liebe der Brüder und Schwestern um uns herum; er betäubt das Herz, lässt einen von den Dingen leben und nicht mehr verstehen, wofür man lebt. Der Egoismus verleitet dazu, viele Güter zu haben, ohne zu wissen, wie man Gutes tut. Und die Häuser füllen sich mit Gegenständen und werden leer von Kindern, sie werden zu sehr traurigen Orten. Es gibt keinen Mangel an kleinen Hunden, Katzen..., es fehlt nicht an ihnen. Es gibt einen Mangel an Kindern. Nein, das Problem unserer Welt ist nicht, dass keine Kinder geboren werden: Es sind der Egoismus, der Konsumismus und der Individualismus, die die Menschen satt, einsam und unglücklich machen.

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Die Zahl der Geburten ist der erste Indikator für die Hoffnung eines Volkes. Ohne Kinder und wenn ein Land nicht mehr jung ist, verliert es die Lust auf die Zukunft. In Italien zum Beispiel liegt das Durchschnittsalter derzeit bei 47 Jahren – aber es gibt Länder in Mitteleuropa, die ein Durchschnittsalter von 24 Jahren haben – und es werden immer neue Negativrekorde aufgestellt. Wenn man sich auf diese Daten stützt, muss man leider feststellen, dass Italien wie das übrige Europa immer mehr die Hoffnung auf die Zukunft verliert: Der alte Kontinent verwandelt sich immer mehr in einen alten, müden und resignierten Kontinent, der so sehr damit beschäftigt ist, die Einsamkeit und die Angst auszutreiben, dass er nicht mehr weiß, wie er die wahre Schönheit des Lebens genießen kann.

Und es gibt eine Tatsache, die mir ein Demograph gesagt hat. Die rentabelsten Investitionen sind derzeit die in die Waffenfabriken und in die Verhütungsmittel. Das eine vernichtet Leben, das andere verhindert Leben. Und das sind die Investitionen, die mehr Rendite bringen. Welche Zukunft erwartet uns? Sie ist hässlich. Trotz vieler Worte und Bemühungen gibt es keinen Umschwung. Wie kommt das? Kann dieses Ausbluten von Leben nicht gestoppt werden? Das Thema ist komplex, aber das kann und darf nicht als Alibi dafür herhalten, dass es nicht angegangen wird.

Das Schlüsselwort Weitblick

Weitblick ist gefragt, das ist das zweite Schlüsselwort. Auf institutioneller Ebene sind dringend wirksame Maßnahmen erforderlich, es sind mutige, konkrete und langfristige Entscheidungen zu treffen, man muss heute zu säen, damit die Kinder morgen ernten können. Alle Regierungen müssen sich stärker engagieren, denn die jüngeren Generationen müssen in die Lage versetzt werden, ihre legitimen Träume zu verwirklichen. Es geht um die Umsetzung ernsthafter und wirksamer familienfreundlicher Entscheidungen. Eine Mutter in die Lage zu versetzen, dass sie zum Beispiel nicht zwischen Arbeit und Kinderbetreuung wählen muss; oder viele junge Paare vom Ballast der wirtschaftlichen Unsicherheit und der Unfähigkeit zu befreien, ein Haus zu kaufen.

Aber gebt nicht auf, habt Vertrauen, denn die Zukunft ist nicht etwas, wo man Unabänderlichem unausweichlich ausgeliefert ist: Wir bauen die Zukunft gemeinsam, und in diesem „Miteinander“ finden wir vor allem den Herrn.

Es ist auch wichtig, auf gesellschaftlicher Ebene eine Kultur der Großzügigkeit und Solidarität zu fördern, generationenübergreifend, um Gewohnheiten und Lebensstile zu überprüfen und auf das zu verzichten, was daran hindert, den Jüngsten eine Hoffnung für die Zukunft zu geben, wie es in so vielen Familien der Fall ist. Vergessen wir es nicht: Die Zukunft der Kinder und Enkelkinder wird auch mit dem Rücken gebaut, der von jahrelanger Arbeit schmerzt, mit der Mühe und dem verborgenen Opfer der Eltern und Großeltern, in deren Umarmung das stille und diskrete Geschenk eines Lebenswerkes liegt. Und auf der anderen Seite sind die Anerkennung und Dankbarkeit ihnen gegenüber durch diejenigen, die nachwachsen, die gesunde Antwort, die, wie Wasser in Verbindung mit Zement, die Gesellschaft fest und stark macht. Das sind die Werte, die wir hochhalten müssen, das ist die Kultur, die wir verbreiten müssen, wenn wir eine Zukunft haben wollen.

Das Schlüsselwort Mut

Drittes Wort: Mut. Und hier wende ich mich vor allem an junge Menschen. Ich weiß, dass für viele von euch die Zukunft unheilvoll erscheinen mag und es zwischen Geburtenrückgang, Kriegen, Pandemien und Klimawandel nicht leicht ist, die Hoffnung am Leben zu erhalten. Aber gebt nicht auf, habt Vertrauen, denn die Zukunft ist nicht etwas, wo man Unabänderlichem unausweichlich ausgeliefert ist: Wir bauen die Zukunft gemeinsam, und in diesem „Miteinander“ finden wir vor allem den Herrn. Er ist es, der uns im Evangelium lehrt, dass das „Ich aber sage euch“ die Dinge verändert (vgl. Mt 5,38-48): Es ist ein „Aber“, das nach Erlösung riecht, das einen „Ausbruch“, einen Bruch vorbereitet. Machen wir uns dieses „Aber“ zu eigen, wir alle, hier und jetzt. Fügen wir uns nicht einem Drehbuch, das bereits von anderen geschrieben wurde, rudern wir, um den Kurs zu ändern, auch wenn das bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen! So wie die Mütter und Väter der „Stiftung für die Geburtenrate“, die jedes Jahr diese Veranstaltung organisieren, diese „Baustelle der Hoffnung“, die uns zum Nachdenken anregt und die immer mehr wächst und die Welt der Politik, der Wirtschaft, des Bankwesens, des Sports, der Unterhaltung und des Journalismus einbezieht.

Die Zukunft wird nicht nur durch Kinder gebaut. Es fehlt ein weiterer wichtiger Teil: die Großeltern. Heute gibt es eine Kultur, die Großeltern versteckt, sie ins Pflegeheim schickt. Jetzt hat sich das ein wenig geändert, weil sie in den Ruhestand gehen – aber leider ist das ist der Trend: Großeltern auszurangieren.

Dazu fällt mir eine interessante Geschichte ein. Es gab eine nette Familie, bei der der Großvater lebte. Aber Großvater wurde mit der Zeit alt, und wenn er aß, wurde er schmutzig... Also ließ der Vater einen kleinen Tisch in der Küche bauen, an dem Großvater essen konnte, so dass sie Leute einladen konnten. Eines Tages kam Vater nach Hause und fand eines der kleinen Kinder, das mit Holz arbeitete. „Was machst du denn da?“ – „Einen kleinen Tisch, Papa“ – „Aber warum?“ – „Für dich, wenn du alt bist.“ Bitte vergessen Sie die Großeltern nicht! Als ich in der anderen Diözese oft Altenheime besuchte, fragte ich die Großeltern – ich denke an einen konkreten Fall – „Wie viele Kinder haben Sie?“ – „Viele“ – „Ah, gut. Und kommen sie Sie besuchen?“ – „Ja, ja, sie kommen immer“. Dann, auf dem Weg nach draußen, sagte mir die Krankenschwester: „Sie kommen nie“. Die Großeltern sind allein. Die ausrangierten Großeltern. Das ist kultureller Selbstmord!

Die Zukunft wird von den Jungen und den Alten gemeinsam gestaltet; Mut und Erinnerung, gemeinsam. Bitte, wenn wir über die Geburtenrate sprechen, die die Zukunft ist, lasst uns auch über die Großeltern sprechen, die nicht die Vergangenheit sind: Sie helfen der Zukunft. Bitte, haben wir Kinder, viele Kinder, aber wir sollten uns auch um die Großeltern kümmern! Das ist sehr wichtig.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen für das, was Sie tun, ich danke Ihnen allen. Danke für euren Mut. Ich bin Ihnen nahe und begleite Sie mit meinen Gebeten. Und ich bitte Sie, nicht zu vergessen, für mich zu beten. Aber betet für mich, nicht gegen mich! Ich danke Ihnen.

(DT/gho)

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