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Der französische Shakespeare

Die Stadt Tours gedenkt in diesem Jahr eines ihrer größten Söhne: dem unermüdlichen Schriftsteller Honoré de Balzac.
Honoré de Balzac, der französische Shakespeare
| In der Gestaltenfülle seiner Werke ist Balzac unübertreffbar.

Tours, etwa 200 Kilometer südwestlich von Paris, gilt als idealer Ausgangspunkt, um von hier aus das Loiretal, seine Schlösser und Gärten zu besichtigen. Das Stadtviertel Saint Martin erinnert an den einstigen Bischof, der im Jahre 397 in Tours beerdigt wurde. Sein Grab befindet sich in der Krypta der neuen Basilika, während von dem Vorgängerbau – einst eine der größten christlichen Wallfahrtsstätten – nur noch zwei Türme stehen.

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Fachwerkhäuser aus dem 15. Jahrhundert sind Teil des Kulturerbes einer Stadt, die einst Königssitz war und in der Seife für Könige hergestellt wurde. Historische Gärten tragen zu ihrem besonderen Reiz bei, wie auch die Kathedrale Saint-Gatien mit ihrer spätgotischen Fassade, fast 70 Meter hohen Türmen und dem Glanz ihrer Fenster.

Balzac: Feder statt Schwert

Vor den Toren der Stadt finden sich unzählige Weingüter, und in der Altstadt reiht sich eine Weinstube an die andere. Zu den herausragenden Gebäuden zählen das Hôtel de Ville (eines der schönsten Rathäuser Frankreichs) mit seiner prachtvollen Fassade sowie die Oper. Die Touraine, eine fruchtbare Region, in der Leonardo da Vinci einst seine letzten Lebensjahre verbrachte und in der Schloss Chinon an die heilige Jeanne d'Arc erinnert. 1429 suchte sie hier den Dauphin, den späteren König Karl VII., auf: eine Begegnung mit Folgen.

Der 20. Mai 2024 steht in Tours – und weit darüber hinaus – jedoch im Zeichen von Honoré de Balzac, der vor 225 Jahren hier zur Welt kam, zu den größten Romanciers der Weltliteratur zählt und zu dessen Romanzyklus „La Comédie Humaine“ (Die menschliche Komödie) es kaum ein vergleichbares Gegenstück gibt. Dabei ging der ursprüngliche Plan von Balzac über die 91 Romane und Erzählungen noch um ein Drittel hinaus. „Was Napoleon mit dem Schwert nicht vollenden konnte, das will ich mit der Feder fertig bringen.“

Napoleon als Daguerreotypie 

Somit erklärt es sich, dass eine Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson (1842) Balzac in Napoleon-Pose zeigt, mit offenem Hemd und einer Hand auf der Brust. Sein mächtiger Kopf zieht sogleich die Aufmerksamkeit auf sich und dann ist es sein Blick, der in Pariser Salons Eindruck hinterließ. Aus tiefsitzenden, dunklen Augen scheint er in die Ferne zu schauen, als spiele sich dort gerade ein atemberaubendes Abenteuer eines seiner Romane ab.

Seine Aussage (in Bezug auf Napoleon) lässt etwas von der ungeheuren Energie und dem Wagemut eines Autors erahnen, der sich selbst unbegreiflich war, sich nachts wecken ließ, um dann, in eine weiße Mönchskutte gehüllt, 12, 16 oder bis zu 18 Stunden zu arbeiten. Dabei ließ er sich von Kaffee „befeuern“, den er exzessiv (etwa 50 Tassen am Tag beziehungsweise in der Nacht) konsumierte.

Bezug zur „Divina Comedia“

Dieser brachte Balzac in exaltierte Stimmung, seine Vorstellungskraft in Schwung, regte seine Nerven an und ruinierte, mit der Zeit, seine Gesundheit. Die legendäre Kaffeekanne, ein literarisches Kultobjekt, das seine Initialen trägt, lässt sich im „Maison de Balzac“ in Paris besichtigen. Ebenso sein Schreibtisch und sein berühmter großer Spazierstock, der oben vergoldet und mit Türkisen besetzt, Aufsehen erregte.

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Mit dem Titel seines monumentalen Werkes stellte Balzac bewusst einen Bezug zu einem der größten Werke der Weltliteratur her, zur „Divina Comedia“ (der Göttlichen Komödie) des Florentiners Dante Alighieri (1265-1321), in der dieser – an der Hand des römischen Dichters Vergil – das Jenseits (Hölle, Purgatorium, Himmel) durchwandert. Auch Balzac teilte sein monumentales Werk in drei Teile (in Sittenstudien – mit Unterabteilungen –, in philosophische und in analytische Studien).

Jenseits aller Kategorien

„Komödie“ ist allerdings, wie auch schon bei Dante, nicht passend, da es an bewegenden, aufregenden, spannenden und dramatischen Szenen in diesen Meisterwerken wahrlich nicht fehlt. Balzac lässt sich jedenfalls ohnehin nicht auf eine Formel festlegen, finden sich unter seinen Werken doch Romane, die noch von der Romantik geprägt sind, als auch realistische und phantastische.

Er selbst hielt seine „Comédie“ für bedeutender für die Literatur als die Kathedrale von Bourges für die Architektur. Dies zeugt vom Selbstbewusstsein eines literarischen Baumeisters, der visionär war, wie der spanische Maler Francisco de Goya (1746-1828) und der sich in zwei Jahrzehnten ein gigantisches Werk abrang, das umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass er nur 51 Jahre alt wurde.

Maßlos-leidenschaftlicher Hunger und Durst nach Leben

Der französische Essayist, Kunst– und Literaturkritiker Gaëtan Picon sprach in einer tiefschürfenden Analyse Honoré de Balzacs von dessen ungestillter Sehnsucht. Da liegen Zeilen eines Gedichtes von Friedrich Nietzsche (1844–1900) nahe, in denen sich zu Beginn etwas von dem inneren Wesen von Balzac ausspricht: „Ja! Ich weiß, woher ich stamme! Ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr‘ ich mich…“

Jedoch hätte Balzac sich nicht zu „Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse“ verstiegen, sondern nur unter die letzte Zeile seine Unterschrift gesetzt: „Flamme bin ich sicherlich.“ Bei ihm zeigt sich ein Überschuss an Energie, eine unbändige Vitalität, ein maßlos-leidenschaftlicher Hunger und Durst nach Leben.

Bei Balzac hat auch die Portiersfrau Genie

Diesen kann auch die „Erschaffung“ von an die 2 500 Romanfiguren, von denen etwa 500 in anderen seiner Bücher wiederkehren, nicht stillen. Es handelt sich um einen „Élan vital“, wie es der Philosoph Henri Bergson (1859-1941) ausdrückte, eine übersteigerte Lebensintensität, die in der Handlung seiner Romane und deren Protagonisten zu spüren ist.

Der französische Dichter, Kunstkritiker und Übersetzer Charles Baudelaire (1821-1867) brachte es, gewohnt scharfsinnig, so auf den Punkt: „Bei Balzac hat auch die Portiersfrau Genie.“ Genie besaß Balzac, obgleich er – stilistisch – nicht den literarischen Feinschliff von Schriftstellern wie Gustave Flaubert oder Marcel Proust erreicht. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Balzac durch Verleger und Gläubiger stark unter Druck, auch unter Zeitdruck, stand.

Der "spanische Balzac"

Hermann Hesse hielt Balzac für den – neben Shakespeare und Goethe – tiefgründigsten Dichter. Der Vergleich mit dem Dichterfürsten aus Weimar ist allerdings, bei allem Respekt, nicht ganz stimmig. An die Gestaltenfülle der Werke Balzacs reicht Goethe nicht annähernd heran, zumal er auch Lyriker war und Theaterstücken schrieb. Gegen Ende seines Lebens fand er noch anerkennende Worte für „Das Chagrinleder“ von Balzac.

Eher mit ihm in einem Atemzug nennen kann man Benito Pérez Galdós, (1843-1920) den „spanischen Balzac“, dessen „Episodios Nacionales“ aus 46 Bänden bestehen, der überdies Dramatiker war und unvergessliche Gestalten, wie z. B. Fortunata und Jacinta, schuf.

Shakespear des Romans

Auch der amerikanisch-britische Schriftsteller Henry James (1843-1916), der unter anderem psychologisch subtile und stilistisch glänzende Romane schrieb, hielt – im Hinblick auf die Unerschöpflichkeit von Balzacs literarischem Schaffen – nur Shakespeare für mit ihm vergleichbar.

Überdies beteuerte er, er habe von keinem Autor so viel gelernt wie von Balzac. Dem deutschsprachigen Lyriker und Erzähler Albert Ehrenstein (1886-1959) blieb schließlich eine einprägsame Kurzformel vorbehalten: „Balzac, der Shakespeare des Romans.“

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