Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Neue Erhebung

Österreich: Inflation bremst Kinderwunsch

Die internationale Erhebung „Generations und Gender Programme“ bestätigt sinkenden Kinderwunsch in allen EU- und OECD-Ländern.
Inflation und Kinderwunsch
Foto: IMAGO/Irina Heß (www.imago-images.de) | Der Soziologe Norbert Neuwirth vom ÖIF erörterte, dass die Krisen wie Corona, Kriegsbedrohungen und die Inflation entscheidend zum Geburtenrückgang beigetragen haben.

Krisen wie Inflation, Krieg und Corona üben einen erheblichen Einfluss auf den Kinderwunsch der Österreicher aus. Die Gründe für die erkennbare Rückgang der Fruchtbarkeit in Europa wurden im Rahmen des Generations and Gender Programme (GGP) zunächst zwischen 2008 und 2013 und anschließend erneut 2022/2023 erhoben. Das Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien präsentierte nun erste Ergebnisse des österreichischen Sondermoduls. 

Migration kompensiert Geburtenrückgang nicht

Der Soziologe Norbert Neuwirth vom ÖIF erörterte anhand des Datenmaterials, dass die Krisen wie Corona, Kriegsbedrohungen und die Inflation entscheidend zum Geburtenrückgang beigetragen haben. Wobei die steigenden Lebenshaltungskosten als besonders belastend beschrieben werden. Erwartungsgemäß sind Alleinerzieherinnen besonders betroffen. 30 Prozent der Befragten nehmen an, dass diese Krisen den Kinderwunsch reduzieren. 2009 lag der Kinderwunsch bei 2,1 Kindern, realisiert wurde er mit 1,65 Kindern. 2023 ist der Kinderwunsch auf 1,7 gefallen. Wie viele Kinder im vergangenen Jahr tatsächlich auf die Welt kommen, ist statistisch noch nicht erfasst. Für Neuwirth ist die kontinuierlich sinkende Geburtenrate auch bedingt durch die gesunkene Zahl der möglichen Eltern, die auch die Migration nicht kompensiere, so Neuwirth. 

Lesen Sie auch:

Der Soziologe sieht den sinkenden Kinderwunsch einerseits als generellen Trend und andererseits als krisenbedingt an. Nachdem alle EU- und OECD-Länder einen sinkenden Kinderwunsch zu verzeichnen hätten, müsse Familie zu haben wieder erstrebenswert gemacht werden – sowohl für jene, die sich noch in der Ausbildung befinden, als auch für die knapp 40-Jährigen, die schon vor der finalen Entscheidung stehen, ob sie Kinder in die Welt setzen möchten. 

Wunsch nach Kinderlosigkeit steigt

Die Soziologin Eva-Maria Schmidt (ÖIF), beschäftigte sich mit der Frage, welche Kinderanzahl dem gesellschaftlichen Ideal entspreche. Dieses liege bei zwei Kindern, der persönliche Wunsch steige bei potenziellen Eltern aus Bosnien-Herzegowina und anderen Drittstaaten auf mehr als zwei Kinder. Bei österreichischen Familien liege der Wunsch nach Kindern bei 1,68. Die Kinderzahl von praktizierenden Katholikinnen liege mit 2,2 Kindern sehr nahe am Kinderwunsch von 2,4 Kindern, führte die Soziologin aus.

Seit 2009 hat sich der Wunsch von Frauen, kinderlos zu bleiben, auf fast zehn Prozent gesteigert. Für jeden fünften Mann zwischen 25 und 29 Jahren sind Kinder keine Option. Jede fünfte Frau glaubt, dass ein erfülltes Leben ohne Kinder möglich ist.

Familien als Leistungsträger

Der Ökonom Lorenz Wurm (ÖIF) ging der Frage nach, inwiefern Familien als Leistungsträger zur Beibehaltung des gesellschaftlichen Wohlstandes gelten, sowohl im Rahmen ihrer Berufstätigkeit als auch in der unbezahlten sogenannten „Care-Arbeit“ zu Hause. Einigkeit bei den befragten Männern und Frauen herrschte darin, dass der Mann durchschnittlich 35 Stunden arbeiten sollte und die Frau mit Kindern unter zwei Jahren in reduzierter Teilzeit. Die GGP-Daten bestätigten, dass in der Realität Mütter in Teilzeit und Väter fast ausschließlich in Vollzeit arbeiten. Ein Viertel der Befragten sieht ihre Work-Life Balance als sehr gelungen an, 15 Prozent gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf überhaupt nicht. Fast jeder zweite Befragte arbeitet gelegentlich an Wochenenden und jeder dritte an Tagesrandzeiten. 

Interessant auch die Aussagen zum Homeoffice: Für Frauen bedeutet, zu Hause zu arbeiten, eine Stressreduzierung, für Männer einen Stressanstieg. Bei den unbezahlten Hausarbeiten zeigte sich ein gewohntes Bild: Während Frauen sich Küche und Wäsche widmen, übernehmen Männer die technischen Reparaturen, auch wenn sich die Verteilungsdaten zwischen Mann und Frau leicht annähern.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Alice Pitzinger-Ryba

Weitere Artikel

Damit sich mehr Eltern für ein drittes Kind entscheiden, braucht es neue gesellschaftliche und politische Weichenstellungen.
16.03.2024, 19 Uhr
Cornelia Huber
Das neue Namensrecht der Ampel bricht mit alten Ordnungsprinzipien. Ein Kommentar.
24.05.2024, 11 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Über Franken und Maulbronn nach Cîteaux: In den jahrhundertealten Fußstapfen der Zisterzienser erschließt der neue paneuropäische Wanderweg Cisterscapes faszinierende Kulturlandschaften .
25.05.2024, 18 Uhr
Wolfgang Hugo
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hofft auf Ständige Vertretung des Papstes in Peking. Franziskus beteuert Staats-Loyalität der chinesischen Katholiken.
25.05.2024, 12 Uhr
Giulio Nova
Ein Bild zeigt mehr als tausend Worte: Dieses Bildnis des großen Kirchenlehrers Thomas weist den Weg zu den zentralen Leitmotiven seines Denkens.
25.05.2024, 19 Uhr
Hanns-Gregor Nissing