Meine achtjährige Tochter nimmt in den Sommerferien an einer Ferienfreizeit teil, die von unserer Kirchengemeinde organisiert wird. Neulich war Elternabend, und ich war etwas überrascht, dass die meisten Eltern kaum Interesse an der inhaltlichen Gestaltung der Fahrt zeigten, sondern hauptsächlich über organisatorische Aspekte sprechen wollten – über Fragen der Unterbringung und Verpflegung oder über die Packliste.
Die intensivste und kontroverseste Diskussion gab es über die Frage, ob die Kinder Handys mitnehmen dürfen. Die Betreuer hätten dies am liebsten ohne Wenn und Aber verboten, konnten sich damit aber gegenüber den Eltern nicht durchsetzen. Unter Verweis auf die Erfahrungen aus vergangenen Jahren wurde argumentiert, im Fall eines Verbots würden einige Kinder heimlich trotzdem ein Handy mitbringen, und das würde diejenigen Kinder benachteiligen, die sich an die Regeln hielten.
Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, angesichts der Argumentation „Wenn man Kindern etwas verbietet, machen sie es eben heimlich“, eine Grundsatzdiskussion über Erziehungskonzepte vom Zaun zu brechen. Verzichten diese Eltern zu Hause auch darauf, Regeln aufzustellen, weil sie ohnehin nicht damit rechnen, dass ihre Kinder sich daran halten? Und was sagt diese Erwartung über das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern aus? Gewiss: Das Verhalten seiner Kinder ausschließlich über Regeln und Verbote steuern zu wollen, stößt schnell an Grenzen. Der freikirchliche Pastor Tobias Teichen schreibt daher in seinem Buch „Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“, es gelte, den Kindern den „Wert hinter dem Verbot“ begreiflich zu machen: „Eine Regel ändert innerlich nichts, nur der Wert dahinter. Aber auch nur, wenn man ihn versteht und für relevant hält.“ Im konkreten Fall heißt das, man müsste den Kindern zu verstehen geben, dass sie tatsächlich mehr von der Ferienfreizeit haben, wenn sie ihr Handy zu Hause lassen. Um dies den Kindern glaubwürdig vermitteln zu können, müssten die Eltern allerdings erst einmal selbst davon überzeugt sein.
Smartphones wachsen nicht auf Bäumen
Das gilt auch über den konkreten Fall hinaus: Seinen Kindern „Gebote ins Herz zu schreiben“, erfordert, die Werte, die man ihnen vermitteln möchte, überzeugend vorzuleben – und dabei auf Vertrauen zu setzen statt auf Kontrolle. Vertrauen funktioniert aber nun einmal nur „auf Gegenseitigkeit“, und man kann Kinder auch nicht zu eigenverantwortlichem Handeln erziehen, ohne ihnen einen Vorschuss an Vertrauen zu gewähren.
Auf das Argument, man könne die Handynutzung auf der Fahrt besser kontrollieren, wenn man sie (innerhalb gewisser Grenzen) erlaube, erwiderte ich, eine solche Erlaubnis würde nun wiederum diejenigen Kinder benachteiligen, die gar kein Handy haben. Daraufhin wurde mir von anderen Eltern und auch von Betreuern beschieden, Kinder ohne Handy gebe es doch heutzutage gar nicht mehr. Wir reden hier wohlgemerkt von Kindern im Alter von sieben bis dreizehn Jahren, und vielleicht hätte ich darauf hinweisen sollen, dass Handys nicht auf Bäumen wachsen. Wenn ein Kind ein Smartphone besitzt, dann in der Regel doch wohl deshalb, weil seine Eltern es ihm gekauft haben. Und es ist gar nicht unbedingt gesagt, ob sie damit lediglich dem Drängen des Kindes nachgegeben haben oder ob nicht vielmehr das Interesse der Eltern dahintersteckt, ihre Kinder jederzeit erreichen und gegebenenfalls mit Hilfe von Tracking-Apps orten zu können.
Darin zeigt sich ein weiteres Dilemma eines Erziehungsstils, der mehr auf Kontrolle als auf Vertrauen setzt: Um die Bewegungen ihrer Kinder im physischen Raum besser überwachen zu können, geben die Eltern ihnen bedenkenlos einen Schlüssel zu einer virtuellen Welt in die Hand, in der weitaus größere Gefahren lauern können als auf dem Schulweg – oder eben im Ferienlager.
Der Autor studierte Theaterwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Er hat zwei kleine Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin.
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