In der Osterwoche besuchten wir eine bekannte Abtei, um dort Gutes mit Nützlichem zu verbinden – in der Buchhandlung neben dem Kloster wollten wir ein Geschenk zur Erstkommunion für unseren mittleren Sohn besorgen. Vergeblich suchte ich zum Beispiel nach Heiligengeschichten für Kinder, denn in dieser Buchhandlung gab es weniger katholische Literatur als vielmehr Literatur über Zen, Yoga oder Bücher von Margot Käßmann. Schließlich fand ich doch ein paar „Erinnerungsbücher“ an die Erstkommunion zum Selbstgestalten, die ich kurz durchblätterte. Dabei bin ich auf Sprüche gestoßen wie „Du bist perfekt, so wie du bist“ oder „Bleib so, wie du bist“. Diese Sprüche rieten mir vom Kauf ab und ich ging mit leeren Händen aus dem Laden. Stattdessen bestellte ich online ein Buch über den heiligen Philipp Neri.
Was irritierte mich an diesen Mut machenden und gut gemeinten Sprüchen? Tatsächlich hört man sie heutzutage immer wieder – sei es im Kindergarten, in der Schule oder an Geburtstagen. Das Geburtstagskind wird bis in den Himmel gefeiert. Dass die Floskeln irgendwann auch „katholische“ Literatur erreichten, ist kein Wunder. Aber sind sie überhaupt mit dem katholischen Glauben vereinbar? Der Mensch ist von Gott als sein Abbild geschaffen worden. Aber der Mensch sündigte und wir tragen alle das Abzeichen Kains. Wir sind unperfekt, denn „perfekt“ ist nur der allmächtige Gott. Uns selbst oder eigene Kinder von der „perfectibilité“ zu überzeugen, wäre eine eitle Illusion. Ausgerechnet Erstkommunionkindern, die sich auf ihre erste Beichte vorbereiten und das Böse vom Guten zu unterscheiden lernen, einzureden, sie wären perfekt, wäre nahezu gefährlich für ihren Glauben. Wir sind dazu berufen, an uns selbst zu arbeiten, uns selbst zum Besseren zu verändern. Sollten wir nicht lieber unsere Kinder ermutigen, diesen mühsamen Weg zu gehen? Ein „Bleib so, wie du bist“ wäre dem Mann ähnlich, der seine Talente begraben hat, anstatt sie zu vermehren. Und natürlich wäre es rein biologisch ein Unsinn, einem heranwachsenden Kind, das sich mit jedem Tag und jeder Woche verändert und entwickelt, zu sagen: „Bleib so, wie du bist“.
Ich bin dein statt du bist perfekt
Das Selbstbewusstsein der Kinder geht nicht daran kaputt, wenn sie kein „Bleib so, wie du bist“ zu hören bekommen. Die Liebe der Eltern ist von der Wahrheit untrennbar. Dazu passen keine billigen Sprüche. Eltern dürfen (und müssen sogar) ihr Kind auch auf seine Schwächen hinweisen. Natürlich soll das Kind spüren dürfen, dass es von den Eltern auch mit seinen Macken geliebt und angenommen ist. Und dass die Eltern nicht „perfekt“ sind, davon können sich unsere Kinder täglich überzeugen.
Besonders irritierend ist für mich, wenn ich „Du bist perfekt, so wie du bist“ im schulischen Bereich zu hören bekomme. Was die Kinder in der Schule erleben, ist oft die gegenteilige Botschaft: Da wird ein Kind ganz schnell zum „Problemkind“ – sei es, weil es zu langsam oder zerstreut arbeitet, weil es inhaltlich unterfordert und gelangweilt ist oder sich mit einem Klassenkameraden streitet. Wenn ein Grundschulkind wenig Lust zur Gruppenarbeit hat, wird sein Eigensinn durch schlechter bewertete „soziale Kompetenzen“ widergespiegelt. Kein Anlass ist zu banal, um das Verhalten des Kindes zu problematisieren. Zwar wird viel von Individualität geredet, aber aus der Reihe tanzen wird nicht toleriert.
Eine Floskel, die der Realität widerspricht und unwahr ist, taugt nicht als Sinnspruch für eine Erstkommunion, die Kinder zur Wahrheit der Gottesbegegnung führen soll. Statt Wohlfühlfloskeln passt vielleicht doch besser ein Bibelvers auf eine Erstkommunionskarte, beispielsweise: „Du rufst mich bei meinem Namen. Ich bin Dein!“
Die Autorin hat Politikwissenschaften studiert, ist Mutter von drei kleinen Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
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