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KI macht süchtig

Warum ein mühsames menschliches Gespräch führen, wenn der KI-Algorithmus jederzeit passgenaue Unterhaltung liefert?
Junger Mann unterwegs mit dem Blick auf dem Smartphone.
Foto: IMAGO/Michael Nguyen (www.imago-images.de) | Suchtverhalten? Junger Mann unterwegs mit dem Blick auf dem Smartphone.

Künstliche Intelligenz ist ein potentes Werkzeug. Sie kann unsere angeborenen Fähigkeiten verstärken, Neugier befriedigen, Kreativität entfesseln und damit unsere Problemlösungskompetenz erhöhen. Doch wie jedes starke Instrument hat auch KI eine Schattenseite: Ihr Suchtpotenzial ist für die Entwicklung eines Menschen gefährlicher, als viele erahnen.

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Erschreckend früh vermag KI den Menschen zu konditionieren: Schon im Kindesalter reichen manche Eltern ihren Jüngsten beim Einkaufen oder auf Autofahrten ein Smartphone, um sie ruhigzustellen. Und es funktioniert. Doch das kindliche Gehirn lernt dabei eine verhängnisvolle Lektion: Langeweile ist unerträglich, sofortige Linderung kommt aus dem digitalen Gerät. Die Fähigkeit, Stille auszuhalten, innere Bilder zu entwickeln und sich selbst zu beschäftigen, schwindet, bevor sie sich überhaupt entfalten kann. Langeweile aber ist kein problematischer Zustand, sondern Geburtshelfer für Kreativität und Fantasie. Bei Jugendlichen geht die Erosion analoger Kompetenzen weiter: KI-gestützte Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat ersetzen zunehmend echte soziale Kontakte. Warum ein oftmals mühsames menschliches Gespräch führen, wenn der Algorithmus jederzeit passgenaue Unterhaltung liefert? Das Ergebnis ist paradox: Jugendliche sind ständig „verbunden“ und gleichzeitig einsamer als je zuvor. Studien belegen, dass intensive Social-Media-Nutzung mit zunehmenden Depressionen korreliert.

Auch Erwachsene sind keineswegs immun. Das endlose Scrollen durch Kurzvideos verdrängt qualitätsvolle Lektüre, tiefe Dialoge und konzentriertes Denken. Der Dopaminschub nach jedem neuen Video folgt demselben neurobiologischen Mechanismus, den andere Suchtmittel auslösen. Hinzu kommt eine subtile Gefährdung: Wer sich bei komplexen Fragen reflexartig an eine KI wendet, statt selbst zu denken, verliert schleichend die Fähigkeit zur eigenständigen Reflexion und Urteilsbildung. Kognitive Selbstständigkeit ist ein Muskel – wer ihn nicht nutzt, schwächt ihn.

Was also tun? Weltweit wird darüber gestritten, ab welchem Alter Kinder Smartphones nutzen dürfen. Frankreich hat Handys an Schulen weitgehend verboten, Australien die Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige eingeschränkt. Das sind Signale, die zu denken geben; Verbote allein greifen jedoch zu kurz. Vielmehr bedarf es einer generationenübergreifenden Medienkompetenz: eingeschränkte Nutzung statt Dauerverfügbarkeit, feste bildschirmfreie Zeiten beim Essen und vor dem Schlafengehen, KI als Werkzeug zum Recherchieren, Strukturieren und Weiterbilden. Damit junge Menschen eine sinnvolle Nutzung von KI erlernen können, müssen Erwachsene ihre Vorbildfunktion ernst nehmen: Kinder imitieren keine Regeln – sie imitieren Verhalten. Gerade weil KI so mächtig ist, birgt sie die Gefahr, uns abhängig zu machen und zu entmündigen. Nutzen wir KI deshalb gezielt und bewusst als ein Instrument, das unsere Fähigkeiten verstärkt, unseren Horizont erweitert und dadurch unser Leben bereichert.

Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Siegen, der WHU Vallendar und der Hochschule für Philosophie München.

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Thomas Rusche

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