Für einige Zeit sah es so aus, als wäre die ständige Fortentwicklung der Künstlichen Intelligenz der wirtschaftliche Heilsbringer schlechthin. Rasant wachsende Börsenkurse von Unternehmen, die KI-Anwendungen entwickeln oder notwendige Produkte dafür anbieten, dauerhafte Lösung des Fachkräftemangels, Effizienz- und Produktivitätsgewinne im Billionenbereich und, und, und. Diese Entwicklung schien nicht zu bremsen zu sein – bis vor wenigen Wochen. Denn seitdem verlieren nicht nur viele der KI-Börsengewinner deutlich, sondern der Sektor an sich steht unter kritischer Beobachtung und hat regelrechte Angst ausgelöst. Der Hintergrund: „Künstliche Intelligenz bedroht Geschäftsmodelle, vor allem solche, die auf Lizenzen, Wissensdatenbanken und Dienstleistungsangeboten beruhen. Auslöser dafür sind neue Agenten- und Automatisierungswerkzeuge, die Tätigkeiten angreifen, die bisher als schwer zu skalieren galten. Für Unternehmen und ganze Märkte verschiebt sich damit die Frage, wo künftig Wertschöpfung entsteht“, sagt Tilmann Speck, Manager des auf KI konzentrierten Aktienfonds „AI Leaders“.
Zwei Beispiele für diese Entwicklung: Im Februar kam es zu groß angelegten Abverkäufen bei Aktien von Software- und Datenunternehmen, nachdem der KI-Anbieter Anthropic ein Werkzeug vorgestellt hatte, das komplexe Recherchearbeiten automatisieren soll. Das könnte bezahlte Daten- und Analysearbeit für Juristen, Banken und Unternehmen substituieren. Und vor wenigen Tagen erwischte es den IT-Riesen IBM, der binnen eines Tages 13 Prozent an Börsenwert verlor, weil Anthropic bekannt gegeben hatte, dass sein KI-Tool „Claude Code“ in der Lage sei, die Programmiersprache „Cobol“ zu automatisieren.
Dies würde ein Kerngeschäft von IBM empfindlich treffen. Das bedeutet: Die KI könnte eine ganze Reihe etablierter Geschäftsmodelle und damit auch Arbeitsplätze bedrohen, wie der KI-Unternehmer und -Investor Matt Shumer in seinem viel beachteten Essay „Something Big Is Happening“ (sinngemäß: „Gerade passiert etwas Großes“) ausführt. Er argumentiert, dass die jüngsten Sprünge bei KI-Modellen für Programmierung den Übergang von „Hilfstool“ zu weitgehend autonomen Agenten ermöglichen. KI-Agenten sind Systeme, die nicht nur einzelne Fragen beantworten oder Text erzeugen, sondern eine Aufgabe als Projekt abarbeiten. Diese Agenten könnten eigenständig Entscheidungen treffen und komplexe Arbeitsabläufe ausführen, Codes schreiben und testen, Fehler beheben und komplette Anwendungen in kurzer Zeit erstellen. Daraus leitet Matt Shumer ab, dass viele Bildschirmberufe und Teile des Software- und Dienstleistungsmarktes schnell unter Druck geraten könnten, weil die Grenzkosten für Wissensarbeit stark sinken und Automatisierung nicht mehr nur einzelne Aufgaben, sondern ganze Arbeitsabläufe erfasst.
Drei Mechanismen der Disruption
Für bedrohte Geschäftsmodelle lassen sich drei Mechanismen beschreiben, die sich quer durch Branchen ziehen. Der erste betrifft klassische Software-Abos, die nach der Anzahl der genutzten Lizenzen bepreist werden. Wenn ein Agent Routineaufgaben bündelt, sinkt in vielen Unternehmen der Bedarf an diesen Nutzerlizenzen. Zugleich wächst der Druck, den Preis stärker an Ergebnis und Nutzen zu koppeln, weil die reine Verfügbarkeit von Software weniger unterscheidend wirkt. Es besteht also die Möglichkeit, dass KI das Lizenzgeschäft schneller entwertet, als Anbieter ihre Preisarchitektur umbauen können. Der zweite Mechanismus betrifft Wissensprodukte und Bezahlangebote, die aus Recherche, Datenzugang und standardisierter Analyse bestehen. Wenn KI Zusammenfassungen, erste Auswertungen und Textentwürfe zuverlässig liefert, verschiebt sich der Mehrwert kostenpflichtiger Produkte. Bezahlt wird dann eher für verifizierte Daten, Exklusivrechte, Haftung, Einordnung und Arbeitsprozesse, die Compliance- und Sorgfaltsstandards einhalten. Für Medienhäuser und Informationsanbieter ist das heikel, weil das Abomodell oft auf Routinewissen beruht, das sich gut skalieren lässt, solange es knapp bleibt. Der dritte Mechanismus trifft IT-Dienstleister und Beratungsgesellschaften, die oft in Stunden oder Projekttagen abrechnen. Agentische KI verspricht, einen Teil dieser Komplexität in Software zu überführen: Vorgänge wie Dokumentation, IT-Migration, Tests und Fehlersuche lassen sich automatisieren, jedenfalls in Teilen. Wenn das „Verstehen“ alter Systeme durch KI günstiger wird, geraten Dienstleistungsmargen unter Druck.
KI-Fondsmanager Tilmann Speck warnt aber vor Panik. „KI wird nicht alle Geschäftsmodelle auf einmal verdrängen, aber sie verschiebt die Bedingungen, unter denen diese Modelle bisher funktioniert haben.“ Er hält es daher mit Jensen Huang, dem CEO des für die KI-Industrie lebensnotwendigen Chipherstellers Nvidia (eines der wertvollsten Unternehmen der Welt), der die Vorstellung zurückgewiesen hatte, KI werde Software und Werkzeuge schlicht ersetzen. Huang nennt diese Idee „unlogisch“ und verwies darauf, dass KI Werkzeuge als Handlungsraum braucht. Damit ein Agent etwas erledigen kann, muss er auf Programme, Datenbanken, Betriebssysteme, Schnittstellen, Cloud-Dienste und Fachsoftware zugreifen. Ohne diese Werkzeuge bleibe KI beim Reden stehen.
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