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Schlaf, Kindlein, schlaf!

Ein Lagebericht aus der geistlichen Kampfzone nach 19 Uhr – oder wie das Abendgebet bei uns zur olympischen Disziplin wurde.
Geschwister in Pyjamas
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Hey, ihr sollt schlafen!

Passende Artikel für die Tagespost zu schreiben, wird immer schwieriger. Das liegt vor allem daran, dass die Zeit zum Schreiben immer abends wäre – wenn es einen Abend gäbe! Denn obwohl wir aus der schlaftechnischen Kampfzone der Baby- und Kleinkindphase raus sind, haben wir immer noch selten einen Abend, an dem unsere Jüngste (!) vor uns ins Bett geht. Sie schläft einfach nie oder ist nie müde und plant es strategisch gut, die Zeit für Multipowernaps zu nutzen und mit außergewöhnlicher Energie den Nachmittag, den Abend und auch die frühen Nachtstunden für den uneingeschränkten Genuss des Lebens zu nutzen.

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Bevor wir Kinder bekamen, haben wir uns darüber Gedanken gemacht, wie idyllisch das sein wird, wenn wir die Kinder ins Bett bringen – mit selbstgedichteten Schlafliedern und pädagogisch wertvoller Lektüre, von der Kinderbibel über Die unendliche Geschichte bis hin zu Rilke-Gedichten. Und davor natürlich harmonisches Familiengebet mit strahlenden Kinderaugen, versöhnlicher Eintracht, kindlichem Gebet für den Frieden in der Welt und dem täglichen Rosenkranz ab dem Grundschulalter.

Heute sieht es so aus: Kind 1 will groß sein, als Letzter ins Bett, aber mit vorgelesener Geschichte und Kraulung. Weint, weil die Kraulung zu kurz war. Kind 2 ist übermüdet, hampelt während des Abendgebets herum wie ein Flummi, stürzt dabei, weint. Kind 3 ist topfit, stört Kind 1 und 2 bei jeglichem Versuch, einer Geschichte zu folgen und danach friedlich einzuschlafen. Wir nehmen es zu uns ins Wohnzimmer, was Kind 1 wiederum zur Weißglut bringt, Kind 2 aber wenigstens einschlafen lässt. Eltern 1 und 2 überlegen, ob das Jugendamt erreichbar ist, um mal unverbindlich die Freigabe von Kind 3 zur Adoption zu sondieren, nachdem es um 22.30 Uhr immer noch singt und hüpft. (Jugendamt ist nicht erreichbar, aber die sonore Stimme des Anrufbeantworters beruhigt die Eltern ein wenig.) Nach 1000 Ermahnungen weint auch Kind 3. So haben Kind 1, 2 und 3 jeweils einen ausgewogenen Heulkrampf hinter sich, der ihnen (nach Auskunft kompetenter Ärzte) enorm beim Einschlafen hilft. Die Eltern sind entweder entspannt, da genug Wein im Haus, oder sagen sich wieder Gute Nacht, ohne mehr als fünf Sätze „privat“ miteinander gesprochen zu haben.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das allabendliche Gebetsritual zu DER Herausforderung des Tages wird. Während die Kinder beim Vorlesen ohne Muh und Mäh in ihren Betten liegen, wird das Zimmer während des Abendgebets zum Stadion der Olympischen Spiele. Weitwurf, Weitsprung, Karate, Akrobatik, Fußball, und ich meine, mich auch an Eiskunstlauf im 10-Quadratmeter-großen Kinderzimmer zu erinnern. Ich kenne Familien, da pilgern die Eltern mit ihren fünf bis zwölf Kindern abends zur hauseigenen Kapelle, um dort Lobpreis mit selbst gebauten Instrumenten zu machen, dann noch ein Dutzend gregorianische Choräle und drei Rosenkränze plus selbst erfundenen vierten Rosenkranz zu beten. Der älteste Sohn, bereits Priester, setzt schnell noch das Allerheiligste aus, und die jüngeren Geschwister werden zur Nachtanbetung eingeteilt, wobei die jüngste, dreijährige Tochter kniend den Anfang macht. Wenn unsere jüngste Tochter beim Abendgebet ruhig ist, weiß ich, dass sie gerade popelt. Immerhin, das Kreuzzeichen – das kürzeste Gebet überhaupt – können sie. Wenn sie das einmal am Tag hinbekommen, dann kann man doch zufrieden sein, oder?

So hat dieser Text dieses Mal so gar keine Pointe, keine Moral, keine Bibelstelle, die irgendwie passend wäre, keinen aufbauenden Kalenderspruch, keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber ich danke Ihnen, dass ich mir das von der Seele schreiben konnte. Mir geht es jetzt besser. Ich hoffe, Ihnen auch.  Gute Nacht!

PS: Das kürzeste Gebet überhaupt, das Kreuzzeichen, kann auch so manchen Erwachsenen wieder in die Spur bringen. Und man kriegt es auch hin, wenn man völlig übermüdet ins Bett sinkt. Vielleicht geht es Ihnen auch manchmal so. Wir Erwachsenen können uns ja gegenseitig daran erinnern. 

Die Autorin lebt als Exilbayerin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei Berlin.

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Simone Müller

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