Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Zur Josephsehe - Teil II

„Lieb’ mich!“

Ist die „Josephsehe“ besonders heilig? Die Annäherung an das Ideal der ehelichen Keuschheit muss durch die Einübung des ehelichen Einswerdens erfolgen, nicht ohne es.
Älteres Ehepaar
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Iuliia Zavalishina (www.imago-images.de) | Die Sehnsucht nach dem Lebenspartner sollte lebenslang wachsen, nicht geringer werden. Echte Liebe sieht immer tiefer die verborgene Schönheit des anderen, auch wenn das Strahlen der Jugend lange zurückliegt.

Die vielen Jahre und Jahrzehnte einer Ehe bergen durchaus die Gefahr der emotionalen und körperlichen Entfremdung. Was in jüngeren Jahren als Suche nach dem gemeinsamen Wohl der Ehegatten begann, kann in späteren Jahren immer schwieriger werden. Manchmal lockt sogar die Versuchung, die körperliche Entfremdung als „Josephsehe“ zu spiritualisieren. Eine selbstgewählte Josephsehe wird zur Fluchtburg, obwohl der heilige Paulus die eheliche sexuelle Enthaltsamkeit nur auf begrenzte Zeit erlaubt. Mit einer selbstgewählten Josephsehe verstoßen Ehepaare nicht nur gegen diese paulinische Regel, sondern sie nehmen sich ein ganz wesentliches Feld der Einübung der gegenseitigen Hingabe. Von der Schöpfungsordnung her muss die Annäherung an das Ideal der ehelichen Keuschheit durch die Einübung des ehelichen Einswerdens erfolgen, nicht ohne es.

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Dieser Gedanke steckt in der Bibel zwischen den Zeilen. Nicht nur in Sarah und Abraham am Beginn der Heilsgeschichte beziehungsweise in Elisabeth und Zacharias begegnen uns zwei betagte Frauen, die noch Mütter werden. Als drittes außerbiblisches Paar sind die Eltern der Gottesmutter Maria, nämlich Anna und Joachim, zu nennen.

In nüchternem Realismus bezweifelt der Erzvater Abraham, dass eine Neunzigjährige noch gebären kann. Denn „Sara erging es längst nicht mehr, wie es Frauen zu ergehen pflegt“ (Gen 18,11); mit der Menopause war ihre Fruchtbarkeit erloschen. Wozu weiterhin die Einheit leben?

Alle drei Männer hätten die Möglichkeit gehabt, ihre unfruchtbare Frau zu verstoßen und eine andere zu heiraten. Sie alle stehen jedoch in Liebe und Zuneigung zu ihrer unfruchtbaren Frau und wahren die sichtbare Einheit, anstatt in die Trennung zu gehen. So wird ihre Ehe zum Symbol der Treue Gottes, die am Ende immer fruchtbar ist.

Fallstricke auf dem Weg zur Heiligkeit

Kann man sich in der Ehe dauerhaft enthalten? Im ersten Korintherbrief bezeichnet Paulus die Fähigkeit, ohne einen Geschlechtspartner zu leben, sogar als ein Charisma, also eine übernatürliche Gabe, die definitionsgemäß nur wenigen zuteilwird. Nur Gott verleiht diese Fähigkeit, wo es dem Auftrag und der Sendung des Menschen dient. Ein Charisma kann man nicht selbst machen. Falls Eheleute den Weg der dauerhaften ehelichen Enthaltsamkeit eigenwillig einschlagen, müssen sie sich darüber im Klaren sein, sich außerhalb dessen zu bewegen, was nach Paulus der Normbereich einer Ehe ist. Kann das gelingen?

Im Katechismus wird die eheliche Enthaltsamkeit tatsächlich erwähnt, allerdings nicht als Option eines normalen Ehepaares, sondern als pastorale Notfalllösung einer nicht-sakramentalen Zweitehe (KKK 1650). Aus dem Zusammenhang versteht sich, dass eine pastorale Notlösung weder als gleichwertiges Gut zu einer normal gelebten Ehe noch als eine spirituelle Höherbewertung gelten kann. Die Josephsehe kann von daher allenfalls als „kleineres Übel“ verstanden werden.

Dieser Befund entspricht dem pastoralen Vorgehen des heiligen Philipp Neri. Ihm, der im Übernatürlichen und Außergewöhnlichen lebte, war bezeichnenderweise alles Außergewöhnliche zuwider. Seiner Überzeugung nach muss der Weg zur Heiligkeit mit Mitteln gangbar sein, die allen zugänglich sind. Dementsprechend war er sehr zurückhaltend gegenüber Privatgelübden der Keuschheit (also: der Enthaltsamkeit), bei Einzelnen wie bei Paaren. Folglich findet sich nur ein einziger dokumentierter Ausnahmefall, in dem der heilige Philipp eine Josephsehe erlaubte.

Sexualität als Instrument der Reifung in einer Ehe

Diesen Gedanken fortführend, darf man die eheliche Sexualität als Teil des gemeinsamen Wegs zur Heiligkeit verstehen. Sie schult die Fähigkeit zu Hingabe und Verzicht. In wachsender Demut mit dem Blick auf sich selbst soll der Ehepartner die Möglichkeiten und Bedürfnisse des anderen wahrnehmen und barmherzig gelten lassen. Schon bei den Wüstenvätern wurde deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen Stolz und sexuellen Verfehlungen gibt. Sie wussten um ihre eigene Begrenztheit und Fallhöhe. Immer wieder kam es vor, dass hochbetagte und hochverehrte Altväter zu Fall kamen – Gott wollte auf diese Weise wohl zulassen, dass ihr falsches Selbstbild eigener spiritueller Größe und selbsterlösender Machbarkeit zerbricht.

In der Ehe weiß der Partner immer besser um die eigene Versuchbarkeit und Zerbrechlichkeit. Wir sind zerbrechliche Gefäße, wie es Paulus im zweiten Korintherbrief schreibt. Deshalb sollen Eheleute immer mehr in der ehelichen Einheit wachsen, weil sie ihrer eigenen Schwäche begegnen und die Schwäche des anderen mit immer größerer Liebe und Barmherzigkeit tragen. Wenn schon Jesus der Richter ist, der das geknickte Rohr nicht zerbrechen wird (Jes 42,3), sollen erst recht Eheleute sich selbst in ihrer nicht zu verleugnenden Gebrochenheit annehmen und bewahren.

Die Heilsgeschichte beginnt mit der Fleischwerdung des Wortes. Folgerichtig beinhaltet die katholische Liturgie viele körperliche Zeichen und Symbole. Kann es ein Zufall sein, dass der Priester jede Messe mit einem Kuss auf den Altar eröffnet und beschließt? Man denke gar an die verschwenderischen Küsse der orthodoxen Ikonenverehrung.

Aus den Worten des Hohenliedes „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes …“ spricht die Sehnsucht der Geliebten nach der physischen Liebkosung des Liebhabers. Christlich darf man die Stelle als Bild der Sehnsucht der Braut Christi, der Kirche, nach den Liebkosungen des Bräutigams Christus lesen. Die Braut Christi drückt ihren Wunsch nach Liebkosung aus: „Lieb’ mich!“ Wie könnte das in der christlichen Ehe anders sein? Die Sehnsucht nach dem Lebenspartner sollte lebenslang wachsen, nicht geringer werden. Echte Liebe sieht immer tiefer die verborgene Schönheit des anderen, auch wenn das Strahlen der Jugend lange zurückliegt. Schließlich umarmt echte Liebe mit aller Milde und Wärme die Unvollkommenheiten des anderen als Teil des gemeinsamen Wegs zur Heiligkeit. Der Ruf „Lieb’ mich“ umfasst Geist, Seele und Leib. Ein lebenslanger Weg zum Frieden der Keuschheit will gemeinsam gegangen werden, natürlich auch mit dem Leib.

Der Autor ist Priester und als Cityseelsorger tätig. Er ist Mitglied des Vor-Oratoriums St. Josef Ingolstadt.

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