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Eine Liebe, die alles verzeiht

Nach der Auferstehung erzählt uns der heilige Petrus von der schicksalhaften Nacht, in der Jesus gefangen wurde, auf den Tod zuging und sogar seine Freunde ihn verließen.
Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße
Foto: gemeinfrei | Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Was das bedeutet, versteht Petrus erst nach der Auferstehung. Das Bild ist von Lukas Cranach dem Älteren.

Die ganze Nacht waren wir fischen und hatten unermüdlich ein ums andere Mal die Netze ausgeworfen – aber es ist wie verhext: Kein einziger Fisch geht uns ins Netz. Frustriert ziehen wir es ins Boot zurück. War das nicht gerade ein Hahnenschrei? Bald wird die Sonne aufgehen, und uns allen knurrt der Magen, als wir müde dem Ufer zu rudern. Aber was ist das in der Ferne für ein Schein, der auf den gekräuselten Wellen in tausend Funken tanzt? Ich ahne schon am Geruch der Morgenbrise, der mir in die Nase steigt, dass jemand Feuer gemacht hat; vielleicht um sich zu wärmen oder um etwas zuzubereiten.

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Im Morgengrauen zeichnen sich allmählich die Umrisse eines Mannes ab. Der steht auf und ruft: „Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen?“ Fehlanzeige, denke ich. „Leider nicht“, rufe ich beschämt zurück. „Dann probiert es doch noch mal - aber auf der rechten Seite des Bootes!“ Ratschläge von Besserwissern, die uns „Kinder“ nennen, kann ich jetzt gar nicht vertragen. „Der hält sich wohl für Jesus“, murre ich. Johannes schmunzelt nur: „Vielleicht ist er’s ja.“ Was soll’s? Wir werfen das Netz also ein letztes Mal aus, – und was soll ich sagen? Die Fische stürzen sich hinein, als hätten sie nur darauf gewartet. Wir können es gar nicht einholen, so prall gefüllt ist es. Johannes grinst. Da erst begreife ich. Schnell werfe ich mir meinen Mantel über und springe ins Wasser.

Nach drei Wochen alles vergessen und vergeben?

Voll freudiger Neugier wate ich ans Ufer; ich will ihn unbedingt als erster sehen. Doch kaum bin ich an Land, überkommt mich auf einmal Verlegenheit, obwohl ich etwas anhabe. Weil ich mich nicht traue, den Herrn anzusprechen, lese ich erst einmal Holzstücke vom Boden auf, was eigentlich überflüssig ist, denn das Kohlenfeuer ist perfekt und es liegen bereits Brot und Fisch darauf. Da kommen auch schon die anderen mit dem Boot. Nur Thomas und Johannes umarmen ihn; wir anderen stehen etwas betreten dabei. Jesus lacht auf: „Nun bringt schon von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt, und dann wollen wir gemeinsam frühstücken!“

Warum wir so schüchtern sind, wo er uns doch schon zum dritten Mal seit seiner Auferstehung begegnet? Klar freuen wir uns; und wie wir uns freuen, ihn zu sehen! Lebendig zu sehen, nach allem, was er durchgemacht hat. Wir können es immer noch kaum glauben, dass der Meister lebt. Aber wir können auch kaum glauben, dass er wirklich noch unsere Freundschaft sucht, wo wir ihn doch so schmählich im Stich gelassen haben in seiner Todesnot.

Und so schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit: Unmöglich kann nach drei Wochen vergessen und vergeben sein, wie schändlich ich versagt habe in jener Nacht im Garten Getsemani. Immer wollte ich der Mutigste sein, der Anführer, das Vorbild, der Erste – oder besser gesagt: die Nummer Eins nach Jesus. Dabei hätte ich es besser wissen müssen.

Beinahe wäre ich zum Mörder geworden

Als er vor mir kauerte beim letzten Abendmahl, um mir wie ein Sklave die Füße zu waschen, hat er meine Vorstellungen auf den Kopf gestellt. „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen“, sagte er. „Kommt gar nicht infrage, Herr!“ protestierte ich. „Eigentlich hätte ich dir die Füße waschen müssen.“ „Eigentlich“, sagte er, „solltet ihr einander die Füße waschen: einer dem anderen. Lernt von mir!“ Und jetzt habe ich das Gefühl, dass er mir den Kopf waschen müsste – eigentlich. Denn als wir nach dem Mahl auf den Ölberg gingen, um im Garten zu übernachten, hat er mich gebeten, wach zu bleiben und mit ihm zu beten. Aber ich war so müde gewesen, dass mir die Augen zufielen.

Wie konnte ich nur so selbstsüchtig sein? Mein bester Freund leidet Todesangst – und ich bin mit mir selber beschäftigt. Wenn ich daran denke, dass ich ihn allein gelassen habe in seiner Not, könnte ich vor Scham und Reue im Erdboden versinken. Ich gab mich also dem Schlafe hin, in jener Nacht, statt dem Meister beizustehen. Auf einmal wurde ich von Geräuschen geweckt. „Wenn ihr also mich sucht, dann lasst diese gehen!“, hörte ich Jesus sagen. Ich raffte mich auf und sah Jesus und Judas und hinter ihm einen Trupp von bewaffneten Tempelwächtern. Da packte ich meinen Dolch, stürzte auf den erstbesten Tempeldiener los. Der konnte von Glück sagen, dass ich nur sein Ohr erwischt hatte. Beinahe wäre ich zum Mörder geworden. „Dein Gebet wäre mir lieber gewesen als deine Gewalt“, sagte Jesus und heilte den Mann. Dann führten sie ihn ab.

An einer anderen Feuerstelle

Aufgewühlt folgte ich der Schar mit einigem Abstand im Schutz der Dunkelheit bis zum Haus des Hohepriesters. Sie führten Jesus hinein, und ich blieb im Hof zurück. Dort hielten sich einige Diener und Wachen des Hauses auf. Der Hahn krähte schon. Da beschloss ich zu warten, und als ich an die Feuerstelle herantrat, die in der Mitte des Hofes loderte, fragte mich jemand: „Bist du nicht einer von seinen Jüngern?“ Ich stellte mich ahnungslos: „Von wem?“ „Von dem Rabbi aus Nazareth! Du gehörst doch auch zu ihm.“ „Ich? Du verwechselst mich“, stotterte ich aufgeregt. „Nein, wir haben dich bei ihm gesehen!“ „Ihr täuscht euch! Ich kenne diesen Mann nicht“, log ich und zog mir meinen Mantel ins Gesicht. Aber es half nichts: „Schon dein Dialekt verrät dich, Galiläer“, beharrten sie. Da platze mir der Kragen: „Ich schwöre, ich habe mit ihm nichts zu tun. Und jetzt schleicht euch!“

Für den Augenblick kam ich mir mutig vor; doch das Gesinde lachte mich nur aus. Da krähte der Hahn zum zweiten Mal und erinnerte mich an mein Versagen und an meine Feigheit. Ich hatte den Herrn verleugnet – dreimal in einer einzigen Nacht, wie er es beim Mahl vorausgesagt hatte: „Ihr alle werdet euch in dieser Nacht meinetwegen schämen, euch verstecken und mich verlassen. Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.“ Ich jedoch hatte noch widersprochen: „Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich werde dich nie verleugnen, selbst wenn ich mit dir sterben müsste!“ Was für ein Aufschneider ich doch war! Jetzt aber nur noch ein Häuflein Elend, ein jämmerlicher Verräter, ein treuloser Feigling. Schluchzend starrte ich in das Kohlenfeuer.

Da legt plötzlich jemand sanft seine Hand auf meine Schulter und holt mich zurück in die Gegenwart: „Simon, möchtest du nicht auch etwas essen?“ „Verzeih, Herr!“, sage ich und wische meine Wange in den feuchten Ärmel des Mantels. „Ich war in Gedanken.“ „Ich weiß“, sagt Jesus liebevoll. „An einer anderen Feuerstelle.“ „Hmm“, schniefe ich.

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