Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.
Wer hier vorschnell den moralischen Zeigefinger hebt, übersieht das eigentliche Problem: Hier fragt ein Mann, der Sünde nicht rechtfertigen will, sondern leidet: Er wünscht sich eheliche Sexualität, Nähe zu seiner Frau, und er möchte, dass auch sie darin Erfüllung findet. Sein Problem: Er kommt zu früh zum Orgasmus.
Daher: Hinter der Gewissensfrage steht ein ernstes sexualmedizinisches Problem: ein schwerer Fall von vorzeitigem Samenerguss, denn er tritt bereits vor der Vereinigung auf. Bis zu einem Drittel der Männer leidet darunter und empfindet es als tiefe Identitätskränkung, weil Geschlechtsverkehr kaum möglich ist. Die Ursachen können verschieden sein: eine früh – bereits in der Pubertät – eingeübte hastige Erregungsfolge, Leistungsangst, Beziehungsstress, depressive Verstimmung, Prostataentzündungen, Schilddrüsenprobleme oder eine beginnende Erektionsstörung. Das ist kein Problem, das man allein lösen kann, noch weniger durch Scham. Denn das Problem braucht Begleitung, etwa durch einen erfahrenen Urologen oder qualifizierten Sexualtherapeuten.
Auch wenn die Strategie der vorhergehenden Masturbation von vielen Männern als „Lifehack“ verwendet wird, ist es keine tragfähige Lösung. Denn selbst wenn der eheliche Verkehr gelingt, umgeht sie die eigentliche Ursache. Der Mann lernt dadurch nicht, seine Erregung wahrzunehmen, zu steuern und in die gemeinsame Sexualität einzubringen. Zudem droht verletzende Heimlichkeit: Die Frau wartet auf eine intime Begegnung, während der Mann vorher allein versucht, seinen Körper zu „regeln“. Am Ende belastet das die Beziehung.
Ein Weg: Beckenbodentraining
Der bessere Weg ist, das Problem gemeinsam anzugehen. Dafür gibt es konkrete Übungen, die vorbereitend und ohne Masturbation möglich sind. Eine nachweislich wirksame Methode ist das Beckenbodentraining nach dem Hamburger sexualtherapeutischen Modell. Viele Männer spannen bei steigender Erregung unwillkürlich den Beckenboden an und beschleunigen damit unwissentlich den Ejakulationsreflex. Trainiert wird deshalb nicht nur das Anspannen, sondern auch das bewusste Loslassen des Beckenbodens. Wer dies über Wochen mehrmals täglich kurz trainiert, kann mit der Zeit Anspannung und Entspannung während des Geschlechtsaktes besser wahrnehmen.
Später wird das Training in die eheliche Sexualität integriert: langsamer werden, innehalten, atmen, den Beckenboden lösen, bevor man wieder Nähe zum Partner sucht. Wenn das Paar gleichzeitig die Zärtlichkeit vor der Vereinigung vertieft, reduziert dies den Druck und schließt die Partnerin ein. Dabei stehen nicht die Penetration und der Orgasmus im Vordergrund, sondern die zärtliche Berührung, die Wahrnehmung des anderen, das Erspüren gemeinsamer Erregung und eine liebende Kommunikation. Sollten Erregung und Anspannung zu stark werden, können beide so in das Loslassen und Entspannen einstimmen. Auf diesem Weg wird der einsame Satz „Ich muss durchhalten“ allmählich in einen gemeinsamen verwandelt: „Wir lernen uns in Anspannung und Entspannung begegnen.“
Auch wenn der Weg nicht den Gang zum Fachmann ersetzt, zeigt er in die richtige Richtung. Der Schritt braucht Mut, denn es gilt, eine Identitätskränkung zu überwinden. Doch wer gemeinsam erfüllte Sexualität will, kann auch den Mut aufbringen, darüber zu sprechen. Dann erst wird aus dem einsamen Kampf ein gemeinsamer Weg. Er braucht Geduld und Übung, die weit über bloße Technik hinausgeht, wenn sie in die gemeinsame Sprache leiblicher Hingabe mündet.
Der Autor ist Entwicklungspsychologe, Sexualberater und praktischer Theologe.
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