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Wie weit darf man nach katholischem Verständnis vor der Ehe gehen?

Ehrfürchtige Zärtlichkeit statt Experimentierfeld: Über Nähe, Grenzen und Reifung der Liebe. Vier Tipps für die voreheliche Keuschheit.
Junges Paar Symbolbild
Foto: IMAGO/Anastasiia Nelen (www.imago-images.de) | Die Klamotten blieben angezogen: Junges Paar, Symbolfoto.

Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.


Wenn zwischen zwei Menschen die Liebe wächst, wächst auch die Sehnsucht nach körperlicher Nähe. Viele Paare fragen: Wie viel Erotik vor der Ehe ist in Ordnung? Die Antwort der Kirche ist klar: Der Geschlechtsakt gehört in die Ehe; was ihn vorwegnimmt oder simuliert, widerspricht der Keuschheit. Doch damit ist die Frage nicht erledigt – denn körperliche Intimität wächst von Anfang an mit. Damit sie reift, braucht sie einen Rahmen, der Grenzen schützt und Liebe wachsen lässt.

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Enthaltsamkeit ist nicht „körperlos“, sie meint: die Sexualität so zu ordnen, dass sie der Liebe dient. Sexualität ist mehr als „miteinander schlafen“. Die Sprache der Paartherapie macht dies deutlich. Nach ihr umfasst Sexualität drei Motive: Fortpflanzung, Lust und Beziehung. Gerade der Beziehungsaspekt ist vor der Ehe entscheidend: Sexuelle Lust kann nur dann in ein Gefühl der Einheit münden, wo sich zwei Menschen wirklich sicher und angenommen fühlen.

Dietrich von Hildebrand gibt dafür einen Rahmen: Nach ihm ist Enthaltsamkeit nicht prüde Angst, sondern Ehrfurcht vor einem Geheimnis. Sex sei „tief, ernst und intim“. Nach ihm darf voreheliche Liebe – vor allem bei Verlobten – auch leiblich werden. Jedoch als ehrfürchtige Zärtlichkeit, nicht als Experimentierfeld. Die Tradition (Thomas von Aquin) erlaubt Küsse und Umarmungen, sofern sie Ausdruck von Zuneigung sind und nicht bewusst Erregung suchen oder den Geschlechtsakt vorwegnehmen. Das richtige Maß gibt Richtung: Schützt unsere Nähe die Würde und Freiheit des anderen – oder treibt sie in die ungeordnete Steigerung von Lust?

Vier Tipps für die Praxis

Was heißt das praktisch für Paare auf dem Weg zur Ehe? Erstens: Lasst Vertrauen zwei Schritte vor jeder Berührung gehen. Körperliche Nähe zielt auf Würde, wenn sie wirklich den anderen meint und nicht die eigene Lust. Können wir jederzeit ohne Gesichtsverlust stoppen? Oder läuft etwas „automatisch“ weiter? Liebe lässt Raum; sie drückt nicht durch.

Zweitens: Lernt die Unterschiedlichkeit des anderen kennen und sucht das „Du“. Zärtlichkeit ist nie deckungsgleich: Was dem einen Geborgenheit schenkt, trifft nicht immer das Bedürfnis des anderen. Das Ausloten körperlicher Nähe braucht Zeit, Vertrauen, kleine Schritte der Reifung und erzeugt Spannung. Wer jetzt lernt, die körperliche Sprache der eigenen Bedürfnisse zu verstehen und auch zurückzunehmen, Kompromisse zu finden und auf die körperliche Sprache des anderen zu achten, bereitet die eheliche Einheit vor.

Drittens: Entwickelt im Hören und Antworten auf eure Unterschiedlichkeit ein Vokabular der Zärtlichkeit, das nicht automatisch in Sexualität kippt. Als Orientierung hilft die Frage: Was gibt uns gemeinsam Geborgenheit – wenn wir nebeneinander sitzen, Rücken an Rücken Musik lauschen, Wärme spüren, uns umarmen und halten? Paare, die sich vor der Ehe einen reichen „Wortschatz“ der Nähe zulegen, können auch Enthaltsamkeit in der Ehe gestalten (bei natürlicher Empfängnisregelung, in Krisen, bei Krankheit).

Viertens: Setzt klare, gemeinsam formulierte Grenzen – nicht als Misstrauensvotum, sondern als Schutz der Liebe. Grenzen sind keine kalte Moral, sondern eine warme Leitplanke. Hilfreicher sind „gelbe Linien“ statt „rote“ und ein Abbruchsignal, das ohne Diskussion gilt.

Und wenn die Sehnsucht wächst? Sie ist kein Feind. Manchmal ein Signal, das fragt: Sind wir zur Ganzhingabe bereit – und ist es vielleicht Zeit, den Bund der Ehe zu schließen? Oder müssen wir die Grenzen neu ordnen, von der Körperlichkeit einen Schritt zurücktreten und in den Aufbau gegenseitigen Vertrauens investieren? 

Der Autor ist Entwicklungspsychologe, Sexualberater und praktischer Theologe.


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Bei der Kolumne „Sex and Soul“ handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der Leserfragen ausschließlich in allgemeiner Weise aufgreift und keine persönliche Beratung leistet.

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Markus Hoffmann Geschlechtsverkehr Sex & Soul Thomas von Aquin

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