Frühjahrsentrümpelung: Nach dem Einmotten der Kinderwinterkleidung wühle ich im Keller in der Kindersommerkleidung, die noch nach Sonnencreme vom Strandurlaub riecht, versinke spontan in Erinnerungen, gehe verträumt die Kellertreppe hoch, lasse den Kleiderhaufen aufs Sofa gleiten, krame ein Fotoalbum aus meiner Kindheit heraus.
Heraus fällt ein von meinem elfjährigen Ich verfasstes Gedicht, an das ich nur noch vage Erinnerungen hatte, zum Muttertag für meine Mama, die es offenbar aufhob, stolz aufs gefühlte Genie ihres Kindes, so wie alle Mamas, die die kreativen Produkte ihrer Kinder aufbewahren für die Nachwelt und die Nobelpreisreden. Videos von Blockflötenaufführungen, die an Körperverletzung grenzen … Dokumente, die mit der Zeit zu purem Erpressungsmaterial werden, mit denen fiese Geschwister an Familienfeiern für rote Ohren sorgen. Da lobe ich mir die abgeschnittenen Locken, früher üblich auch unter Dichtern und so.
Ich befrage die Stimme des Volkes: unseren agnostischen Freund Sven (Name geändert), was er von Reliquien hält, sich darunter vorstellt. Er zögert. „Also Reliquien, das ist so was wie die Fliegerbombe, die unter unserem Rasen lag. Hinterlassenschaften vergangener Epochen, die für sich selbst sprechen. Mit Beweiskraft. Oft explosiv. Keine alten Knochen wie bei euch Katholiken. Das ist ja eher eine organisierte Störung der Totenruhe. Dürfte man euch gar nicht so durchgehen lassen. Na, und was anderes ist der Typ Blutende Madonna im Voralpenland. Macht schon mehr her, auch wenn die Spezialeffekte nicht ganz Hollywood-Niveau erreichen.
Aber hat den Reiz, dass man den Trick rauskriegen will.“ Seine Frau kommt dazu, und ich frage auch sie, wie sie zu Reliquien steht, ob sie sich vorstellen kann, eine in ihr Haus zu stellen. „Reliquien? Klingt alt, feierlich … na, wenn sie dekorativ gestaltet sind, warum nicht?“ Als wir klären, was Reliquien wirklich sind, fällt ihr ein, dass sie schon eine im Haus hat: „Die Urne mit unserem Rocky, eine 1a-Schäferhundmischung, supergelehrig. Oft knackt’s oben im Gebälk und klappert, ich bin sicher, da hat auch Rocky die Pfoten im Spiel.“
Wir drei recherchieren zusammen im Internet über Reliquien. Da gab es ja skurrile Details und Auswüchse. Als Reliquien wurden verehrt: Federn des Heiligen Geistes, Brotkrumen und Fischgräten der Brotvermehrung, die Vorhaut Jesu, ein Stück der ägyptischen Finsternis aus Exodus, Exkremente des Esels, der Jesus nach Jerusalem trug … vieles sehr körperlich irgendwie. „Schau mal hier, sogar Geräte, mit denen man Märtyrer gefoltert hat, wurden verehrt“, ruft Sven. Ich notiere „Foltergeräte“. – Für den Fall, dass unsere Kleinste heiliggesprochen wird, legen wir schon mal ihre Zahnbürste bereit. In 200 Jahren lässt dann ein frommer Besucher der Berliner Kathedrale den Blick ehrfürchtig schweifen von der Statue des heiligen Laurentius mit Grill unterm Arm zur heiligen Philippa (Name geändert) von Berlin mit der Zahnbürste im Mund.
Reliquien sind ambivalent: Sie erinnern an vergangenes Leben, sind gleichermaßen Zeichen der Vergänglichkeit und der Beständigkeit. Die Liebesbriefe der Verflossenen erinnern an die Vergänglichkeit der Gefühle und die Beständigkeit des Papiers. Die Knochen Heiliger an die Vergänglichkeit ihres irdischen Lebens und die beständige Treue Gottes, die sich in und an ihnen zeigte. In der Apostelgeschichte sind Reliquien nicht Altlasten, sondern verjüngende Kraftquellen: Die Gewänder des Paulus heilten Kranke. Gott will uns als Ganzes erlösen, auch unseren Leib.
So verstanden sind Reliquien mehr als Relikte wie das T-Shirt, an das man sich weinend klammerte, als der sonst darin enthaltene Ex-Freund schon über alle Berge war – sie sind lebendige Zeichen für Gottes Gegenwart. So, ab nach Hause, zur liegengelassenen Wäsche, in Fotobüchern stöbern. Als ich Svens Grundstück verlasse, meine ich hinter mir leises Bellen zu hören. „Platz, Rocky“, flüstere ich lächelnd und schließe das Gartentor.
Die Autorin lebt als Exilbayerin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei Berlin.
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