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Eine Oma zum Verleihen und Verlieben

Großmütter kann man nicht mieten. Oder doch? Seit 50 Jahren vermittelt der Katholische Familienverband Wien „Leihomas“ an Familien, die Unterstützung bei der Kinderbetreuung benötigen.
Happy grandmother and grandchildren playing and knitting at home
Foto: IMAGO/Kniel Synnatzschke | Die gemeinsame Zeit ist für beide Seiten eine Bereicherung – für „Leihomas“ ebenso wie für „Leihenkel“.

Ich tu sie schon a bissl verwöhnen“, schmunzelt Sylvia im Wiener Dialekt. „Sie werden mir gleich entgegenlaufen.“ Tatsächlich springen kurz darauf zwei Mädchen in ihre Arme, eine hängt sich an ihr Bein, als die Tür zum Kindergarten sich öffnet. „Oma Sylvia!“, ruft die Zweijährige. Rucksäcke werden eingesammelt, selbst gemalte Bilder hergezeigt. Auf dem Weg nach Hause holt Sylvia zwei Fruchtsäfte für die Kinder aus ihrer Tasche.

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Eine Szene zwischen Oma und Enkeln? Beinahe. Denn Sylvia ist nicht ihre echte Oma – sondern eine Leihoma. Schätzungsweise 350 Leihomas sind in Wien und Umgebung im Einsatz, über 100 Familien stehen auf der Warteliste. Sie alle suchen eine ältere Dame, die auf Familienkinder aufpasst, vom Säugling bis zum Schulkind. Der Katholische Familienverband vermittelt dabei die Familien an Omas, ordnet sie anhand einiger Kriterien zu: bevorzugtes Alter, zeitliche Kapazitäten, Wohnort.

„Wir hängen sehr aneinander“

Bevor die Leihomas zum Einsatz kommen, absolvieren sie Module in Pädagogik und einen Erste-Hilfe-Kurs. „Es gab dann ein erstes Kennenlernen zwischen den Kindern und mir“, erklärt Sylvia. „Die Wellenlänge muss halt passen, sonst bringt es nichts.“ Auch Christine meldete sich vor 24 Jahren als Leihoma an, damals war sie um die 60. „Ich hatte meinen Job verloren und wollte mir etwas dazuverdienen“, erzählt sie. In ihrer Wohnung ist es gemütlich. Frischer Kaffee und ein Apfelstrudel stehen auf dem Tisch, durch die Balkontür sieht man die Dächer des 16. Bezirks bei strahlendem Sonnenschein.

Sie holt ein kleines Heft aus der Schublade, in dem sie Aufzeichnungen ihrer Erlebnisse gesammelt hat. „Ich erinnere mich noch gut an einen Säugling, auf den ich aufpasste, und seine ältere Schwester, die mich immer fragte, ob ich ihr Palatschinken machen könne“, sagt sie. Inzwischen ist sie seit sieben Jahren Ersatzoma für einen Jungen, der mittlerweile in die Grundschule geht, und einmal wöchentlich für mehrere Stunden mit ihm unterwegs. „Wir hängen sehr aneinander“, sagt sie. „Ich backe ihm immer seine Lieblingsweckerl mit Körnern drauf. Die Eltern haben sich schon beschwert, weil er daheim das Körnerbrot nicht mehr isst!“

So, wie man sich eine Oma vorstellt

Kein Wunder, dass die Kinder der beiden Damen sich bei ihnen so wohlfühlen. Sie strahlen Wärme und Gutmütigkeit aus, genauso wie man sich Omas vorstellt. „Wenn man so etwas findet wie ich mit dieser Familie, ist das ein echter Glücksfall“, sagt Christine. „Ich bin integriert wie eine richtige Oma. Das ist allerdings nicht immer so.“ So berichtet sie von Leihomas, die teilweise als günstige Haushaltskraft ausgenutzt werden. „Unsere Aufgabe ist wirklich nur die Kinderbetreuung. Da ist es wichtig, Grenzen zu setzen.“ Sie zeigt Fotos von gemeinsamen Ausflügen auf die Schmelz, eine weitläufige Grünfläche im Westen Wiens, und wie geschickt er sich beim Diabolospielen anstellt.

Schwärmen tut sie von ihm wie eine richtige Oma: „Der Bub ist so gescheit! Er hat ein irres Wissen über alles, was ihn interessiert!“ Christine ist sich bewusst, dass ihr Bub noch zwei andere Omas hat, zu denen sie sich aber nicht in Konkurrenz sieht. Für ihren Leih-Enkel ist es in jeder Hinsicht ein Zugewinn an Zeit und Aufmerksamkeit. „Wenn zum Beispiel sein Lieblingsonkel kommt, nehme ich mich bewusst zurück. Ich muss auch nicht überall dabei sein.“

Verantwortung für fremde Kinder ist höher

Bei Sylvia gibt es mittlerweile ein großes Ankommen in der Wohnung. „Ich habe selbst sechs Enkelkinder. Von meiner Zuneigung her unterscheidet es sich überhaupt nicht. Allerdings ist die Verantwortung für fremde Kinder natürlich höher“, betont sie. „Das muss man sich zutrauen.“ Mehrmals in der Woche bringt sie die Mädchen in den Kindergarten, holt sie wieder ab und betreut sie für ein paar Stunden. Manchmal kommen noch spontane Einsätze dazu. Für sie ist klar, dass ihre Zöglinge höchste Priorität haben. Da wird auch mal ein Konzertbesuch abgesagt, wenn die Eltern sie kurzfristig brauchen.

Vittorio, der Vater von Sylvias Leih-Enkeln, bekräftigt, wie sehr sie seine Familie entlastet. „Meine Frau und ich arbeiten Vollzeit. Noch dazu sind wir Italiener, haben also keine Verwandtschaft am Ort.“ Anfangs hätten sie es mit Babysittern versucht, doch diese waren bei Weitem nicht so flexibel. „Wir können unsere Tage besser planen. Unsere Mädchen lieben sie!“ Auch bei der Benennung kommt es zu keinen Schwierigkeiten: „Sylvia ist ihre Oma. Und die Nonna und den Nonno haben sie in Italien. Für sie sind es wie zwei verschiedene Begriffe“, schmunzelt er.

Sinnstiftende und erfüllende Aufgabe

Für Christine ist es sinnstiftend, einer Familie unter die Arme greifen zu können. „Es ist auch deshalb besonders schön, auf meinen Bub aufzupassen, weil ich leider selbst keinen Kontakt zu meinem Enkelkind habe.“ Sie betont mehrmals, dass der Einsatz als Leihoma kein klassischer Job ist. „Es hält mich jung und frisch, in Kontakt mit Kindern zu sein. Ich bin unglaublich dankbar dafür, wie sehr diese Familie mich als Oma aufgenommen hat.“

So sei der Einsatz gerade in krisenhaften Zeiten, wie während ihrer Scheidung, sehr wichtig für sie gewesen. „Da hat mir der Kleine so viel geholfen – wegen der Ablenkung und der Freude, die er mitbringt.“ Auch für Sylvia ist es erfüllend, eine Leihoma zu sein, gerade auch, weil ihre eigenen Enkelkinder schon erwachsen sind. Nach dem Tod ihres Mannes suchte sie nach einer Beschäftigung, der Oma-Dienst kam wie gerufen. „Dass die Kinder mich ins Herz geschlossen haben, füllt mich aus. Man bekommt so viel von ihnen zurück.“

Und was würde sie anderen Omas raten, die sich überlegen, selbst Leihoma zu werden? „Oft verplempert man als älterer Mensch seine Zeit mit Jammern, aber es ist doch viel besser, seine Zeit für Kinder einzusetzen! Es frischt auf, und Kinder wollen jemanden, der Zeit für sie hat, wenn die Eltern nicht können.“ Und auch Christine findet: „Es muss aus Freude und Überzeugung getan werden. Wenn’s mit der Familie passt, dann passt’s.“


Die Autorin studiert Strategisches Management in Innsbruck.

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