Frankreich geht voran: Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sollen keine sozialen Netzwerke mehr nutzen dürfen. Präsident Emmanuel Macron drängt auf eine schnelle Umsetzung. Deutschland diskutiert noch – und wirkt in dieser Frage erneut wie ein Nachzügler. Doch ist ein gesetzliches Verbot tatsächlich sinnvoll?
Wir kennen Altersgrenzen aus anderen Bereichen: Alkohol, Tabak oder Glücksspiel sind nicht ohne Grund reguliert. Nicht, weil Jugendliche das hundertprozentig von diesen Produkten fernhält – sondern weil die Gesellschaft damit deutlich macht: Sie können schaden.
TikTok, Instagram und Co. sind nicht neutral. Sie sind darauf optimiert, Aufmerksamkeit zu binden: endloses Scrollen, unvorhersehbare Belohnungen, soziale Bestätigung. Mechanismen, die stark an Glücksspiel erinnern. Die Frage ist deshalb ernsthaft: Lassen diese Systeme überhaupt eine gesunde Nutzung zu, wenn ihr Design auf Abhängigkeit ausgerichtet ist?
Besonders entscheidend ist dabei die Entwicklungspsychologie. Jugendliche verfügen erst mit zunehmendem Alter über ausgereifte exekutive Funktionen – also Impulskontrolle, Emotionsregulation und die Fähigkeit zur Selbststeuerung. Diese Bereiche reifen bis ins junge Erwachsenenalter. Für Kinder ist Social Media daher oft keine Freizeit, sondern eine massive Überforderung des Gehirns: Reizflut, Vergleichsdruck und permanente Dopaminanstöße treffen auf ein System, das noch nicht stabil regulieren kann.
Oft wird argumentiert, soziale Netzwerke seien notwendig für Kommunikation. Doch Austausch ist auch über Messenger möglich. Was Social Media zusätzlich bringt, ist ein permanenter Sog aus Selbstdarstellung, Statuslogik und algorithmischer Verstärkung – ohne echten Mehrwert für die gesunde Entwicklung.
Macron formulierte dazu: „Die Gefühle unserer Kinder dürfen nicht manipuliert werden.“ Das ist mehr als Symbolik. Aufmerksamkeit ist längst zur Ware geworden – und junge Menschen sind die verletzlichste Zielgruppe, was Folgen hat: Die WHO Europa gibt dazu an, dass die problematische Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen von 7 Prozent in 2018 auf 11 Prozent in 2022 stieg. Und mittlerweile sind wir noch mal über drei Jahre weiter. Bemerkenswert ist zudem, dass selbst viele Menschen aus der Tech-Industrie ihre eigenen Kinder bewusst von diesen Plattformen fernhalten. Nicht aus Panik, sondern weil sie wissen, wie diese Systeme funktionieren.
Es geht nicht um Abschottung, sondern um Entwicklung
Doch selbstverständlich haben Regeln auch Grenzen: Verbote wirken nur dann nachhaltig, wenn sie mit Aufklärung und Prävention verbunden werden. Alkohol ist erst ab 16 oder 18 erlaubt – trotzdem wird er häufig deutlich früher konsumiert. Letzteres ist keineswegs ein Argument gegen präzise Regeln, es zeigt lediglich, dass sie ohne begleitende Bildung oft umgangen werden. Bei Social Media gilt dasselbe: Ein Gesetz kann ein Signal setzen, aber eingehalten wird es nur, wenn Kinder, Eltern und Schulen gleichzeitig verstehen, warum diese Plattformen einen so starken Einfluss haben, und wie man junge Menschen langfristig schützt.
Ein Verbot kann ein Einstieg sein, aber wir brauchen gleichzeitig Medienbildung in Schulen, Elternarbeit und klare Schutzstrukturen. Am Ende geht es nicht um Abschottung, sondern um Entwicklung. Kinder brauchen Räume für echte Freundschaften, Bewegung, Gemeinschaft und auch für Langeweile als Kreativraum. Genau diese Räume werden oft durch stundenlanges Scrollen ersetzt. Die Zeit, die heute auf Plattformen verschwindet, war früher die Zeit, in der Jugend gelebt wurde. Es geht um gesunde Entwicklung und um Schutzräume in einer Lebensphase, in der das Gehirn noch besonders formbar ist.
Gleichzeitig dürfen auch Erwachsene ihre Vorbildaufgabe überdenken, um ein gesundes Verhalten an Kinder weiterzugeben. Fazit: Ein gesetzliches Verbot unter 16 wäre kein Allheilmittel – aber ein längst überfälliges Signal: Kinderschutz steht über Konzernlogik. Und mentale Gesundheit ist nicht verhandelbar.
Der Autor ist Psychologe und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit und hat die Initiative OFFLINE HELDEN gegründet.
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