Wie gefährlich sind die sozialen Medien für Jugendliche wirklich? Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, kommt nach Auswertung des Forschungsstandes zu dem Schluss, dass eine moderate Nutzung unbedenklich erscheint und für Jugendliche auch wertvolle Funktionen erfüllen kann. Gleichzeitig besteht bei intensiver Nutzung ein Risiko für eine suchtartige Nutzung und psychische Belastungen. Die DAK-Studie berichtet, dass sechs Prozent der 14- bis 17-Jährigen ein suchtähnliches Nutzungsverhalten entwickelt haben, das bereits ihr Leben negativ beeinträchtigt. Darüber hinaus wird die Nutzung von 25 Prozent der Jugendlichen als riskant eingestuft. Die Entstehung einer suchtähnlichen Nutzung erklärt sich dabei nicht durch soziale Medien alleine, sondern es kommt darauf an, was man damit macht und wie häufig. Außerdem kommen weitere individuelle und soziale Faktoren dazu. Die deutliche Mehrheit der Jugendlichen entwickelt keine Beeinträchtigungen und scheint eher mit alterstypischen Entwicklungsaufgaben konfrontiert zu sein, zu denen auch die Entwicklung von Selbstregulation und Selbstverantwortung zählt.
Angesichts dieser Faktenlage ist es unverhältnismäßig, allen Jugendlichen unter 16 den Zugang komplett zu verbieten, da es deren Rechte auf Teilhabe beschneidet. Zielführender könnte es sein, den Jugendschutz zu verbessern und die Medienkompetenz besser zu fördern. Anbieter, die keinen wirksamen Schutz sicherstellen können oder wollen, sollten selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass Minderjährige nicht auf ihren Plattformen sind. Der Jugendschutz sollte generell verbessert werden. Was ist mit Messengern wie WhatsApp, Videoplattformen wie YouTube, Game-Creater-Plattformen wie Roblox? Und was ist mit Games und Pornoplattformen? Wenn nur einzelne Soziale Medien reguliert werden, werden die Minderjährigen nur auf andere Plattformen abwandern.
Eigentlich sehen bereits jetzt alle Social-Media-Anbieter Altersgrenzen von 13+ vor. Tatsächlich ist die Nutzung aber schon bei unter 13-Jährigen stark verbreitet. Damit wird deutlich, dass eine Anhebung der Altersgrenze noch kein Garant wäre, dass diese auch greift. Sowohl Eltern als auch die Anbieter sind gefordert, bestehende Altersgrenzen stärker zu berücksichtigen. Unter 13-Jährige sollten keinen eigenen Zugang haben können und nur unter Aufsicht Erziehungsberechtigter solche Angebote nutzen dürfen. Für die 13- bis 17-Jährigen wäre hingegen die Sicherung des Jugendmedienschutzes der bessere Weg. Die Anbieter sollten sich klar für einen wirksamen Jugendschutz engagieren; von der Medienaufsicht muss dies kontinuierlich geprüft und bei Verstoß geahndet werden. Neben den Risiken muss auch der Nutzen berücksichtigt werden. Warum sollten Jugendliche nicht in moderatem Maße Social Media nutzen dürfen?
Auch Datenschutz und Verbraucherschutz sind zu verbessern: Immer mehr Anbieter setzen bei der Gestaltung der Apps manipulative Techniken ein, die unter anderem darauf abzielen, die Nutzenden stärker an ihr Angebot zu binden und die in Verdacht stehen, eine übermäßige Nutzung zu fördern. Solche Gestaltungsmittel, sogenannte Dark Patterns, mit denen eine autonome und informierte Entscheidung eingeschränkt werden soll, sind nach dem Digital Services Act der EU jetzt schon verboten. Dies muss durchgesetzt und es muss besser aufgeklärt werden.
Damit junge Menschen in die Lage versetzt werden, digitale Medien gesund, kompetent und verantwortlich zu nutzen, benötigen sie Lern- und Bildungsmöglichkeiten. In Deutschland werden digitale Kompetenzen, die für einen gesunden und reflektierten Umgang wichtig sind, weniger gezielt gefördert als in anderen Ländern, und das Kompetenzniveau unserer Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen ist in den letzten Jahren gesunken. Die Diskussion über neue Verbote trägt nichts dazu bei, diesen Trend umzukehren. Wir sollten uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir die heranwachsende Generation in die Lage versetzen können, den digitalen Wandel kompetent und verantwortlich mitzugestalten.
Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
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