Westwall

Caroline Lauscher: Rosen an wuchtigem Kriegsdenkmal

Die Eifeler Künstlerin Caroline Lauscher setzt in Kriegs-Zeiten ein buntes Lebens-Zeichen.
Künstlerin Caroline Lauscher
Foto: GF | Will mit ihrer „sozialen Skulptur“, den von vielen gehäkelten, bunten Rosen, ein Zeichen gegen den Krieg setzen, für den die Westwall-Höckerlinie steht: Künstlerin Caroline Lauscher.

Erratisch, grau, abweisend, an Krieg und Zerstörung gemahnend: Das ist der Westwall, von den Alliierten während des Zweiten Weltkrieges auch „Siegfried-Linie“ genannt, der manche Gegenden der Eifel bis heute prägt und allen, die dort leben, von Kindesbeinen an bekannt ist. Zwischen 1936 und 1940 erbaut, wurde der Westwall von der nationalsozialistischen Propaganda im In- und Ausland als unbezwingbares Bauwerk dargestellt. Doch dieser „Denkmalort des Unerfreulichen“, wie der Westwall in letzter Zeit häufiger genannt wird, hat in der Nähe der Kleinstadt Simmerath in der Nordeifel ausgerechnet in Zeiten, in denen mitten in Europa wieder ein Krieg geführt wird, eine wundersame Veränderung erfahren: Die einheimische Künstlerin Caroline Lauscher hat die vor Jahrzehnten errichtete Höckerlinie mit Tausenden von gehäkelten Rosenblüten in den verschiedensten Farben in eine „soziale Skulptur“ verwandelt, welche die Betrachter verzaubert und zum Nachdenken anregt.

Rosen häkeln

„Da haben die Dornen Rosen getragen“: Dieser Satz aus dem bekannten Kirchenlied „Maria durch ein Dornwald ging“ inspirierte Caroline Lauscher mitten in der bedrückenden Corona-Zeit (Lauscher: „Man konnte nichts mehr machen“) zu einem gemeinschaftlichen Kunstprojekt. „Die Idee kam mir, als ich vor dem Bunker in meinem Wohnort Schmidt stand“, erinnert sie sich. „Ich habe Menschen eingeladen, Rosen zu häkeln – in unterschiedlichen Formen und Farben und in großer Fülle.“ Was in ihrem engeren Umfeld begann, weitete sich mithilfe der sozialen Medien schon bald stark aus. Häklerinnen aus Berlin, Hamburg, Stuttgart und München, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien und Polen schufen Tausende von Stoff-Rosen und wurden so selbst Teil des Projekts. „Es wirkte wie ein Schneeballsystem“, freut sich die Künstlerin.

Brauchst du noch Rosen?

„Viele haben sich zum Beispiel in Altenheimen während der Corona-Zeit zu Gruppen zusammengeschlossen und gehäkelt. Immer wieder wurde und werde ich auch angefragt: Brauchst du noch Rosen?“ Manche hätten sich beim Mitmachen auch gefragt, was während des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Zeit in ihrer eigenen Familie passiert sei. Genau das ist der Effekt, den Caroline Lauscher erzielen will, denn sie möchte der Themen und Orte gedenken, die Dornen vergangener Zeit waren oder sind. „Man muss sich die eigenen Traumata bewusst machen und Räume schaffen, in denen Menschen über ihre Ängste sprechen und in Austausch darüber treten können“, lautet Lauschers Überzeugung. Durch die Verarbeitung kollektiver Traumata wie etwa der Verbrechen des Nationalsozialismus könne man letztlich auch zu einem anderen Bewusstsein kommen.

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Technisch war die Rosen-Installation auf und an der symbolträchtigen Höckerlinie übrigens gar nicht so einfach umzusetzen: Erst einmal musste der Eigentümer des betreffenden Grundstücks, die Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, ihre Zustimmung erteilen, damit Caroline Lauscher ihre Häkelrosen überhaupt anbringen konnte. Dann musste die Künstlerin zusammen mit einer Gruppe von Helfern auf einem etwa 100 Meter langen Abschnitt des Westwalls die vielen tausend Rosen in einer mehrtägigen Aktion an Zweigen und Ästen befestigen und zwischen den wuchtigen Höckern in die Erde stecken. Geht es nach der Intention der Künstlerin, dann soll das von ihr geschaffene Kunstwerk aus sich heraus sprechen. „Es ist eine symbolische Verbindung von Vergangenheit und heute, von Verletzung und Heilung“, erläutert sie. „Im Vordergrund dieses Projektes steht ein prozesshaftes Sich-Entwickeln der gemeinsamen Arbeit zu einem großen Ganzen: In dieser Solidarität liegt eine große Wirkmächtigkeit.“

Die Rose als Symbol

Die christliche Symbolkraft der Rose ist Caroline Lauscher dabei voll bewusst, besonders, dass die weiße Rose für überwundenes Leid steht. Auch wenn sie keine große Kirchgängerin ist, betrachtet sie sich doch als gläubig, hat sich intensiv mit biblischen Themen beschäftigt und in den letzten Jahren einen ganz neuen Zugang zum Christentum gefunden. So verwundert es auch nicht, dass die 64-Jährige ihre erste Rosen-Installation für das Muttergotteshäuschen in Düren und weitere für die Pfarrkirche St. Hubertus und den Bunker in Nideggen-Schmidt sowie das Dietrich-Bonhoeffer-Haus der evangelischen Kirchengemeinde Roggendorf in Mechernich schuf. Ging es bei der Installation für das Muttergotteshäuschen in Düren darum, die Verletzlichkeit jedes Einzelnen und der Gesellschaft durch das Corona-Virus zu veranschaulichen, so sollte die zweite Rosenin-stallation im Höhendorf Schmidt, das Ende 1944 Schauplatz einer für die deutsche Wehrmacht wie auch für die Allierten verlustreichen Schlacht war, an die Tyrannei des Nationalsozialismus und seine Folgen erinnern. Mit der Rosen-Installation in Mechernich sollte der Männer und Frauen gedacht werden, die unter der Tyrannei der Nazis ihr Leben lassen mussten, weil sie – wie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer – in Wort und Tat ihren Glauben bekannten.

Caroline Lauscher ist sich dessen bewusst, dass das Thema „Krieg und Frieden“ seit Jahrzehnten noch nie so präsent war wie heute. „Ich glaube, man muss sich die Traumata bewusst machen und Räume schaffen, in denen Menschen über ihre Ängste sprechen und in Austausch kommen können“, unterstreicht sie. „Einen Schritt zurücktreten und neu aufeinander zu gehen – darauf kommt es an. Ich versuche diese gewaltfreie Kommunikation auch in persönlichen Beziehungen zu praktizieren.“ Das Friedensprojekt der Künstlerin soll die Menschen verbinden und ihnen Kraft und Zuversicht geben; ihrer Vorstellung nach liegt in der Solidarität seine große Wirkmächtigkeit. In den nächsten Wochen plant sie ein Projekt mit gehäkelten Rosen für die Kirche St. Franziskus auf der Seiser Alm in Südtirol, und irgendwann – so ihr Traum – kann sie sich ein „kraftvolles Rosenprojekt“ auch auf der ehemaligen Nazi-Ordensburg Vogelsang in der Eifel vorstellen.

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