Zeugnis

Pier Luigi Maccalli: Gefangener von Islamisten

Zwei Jahre Gefangenschaft. Pier Luigi Maccalli schaut ohne Bitterkeit auf seine Zeit als Gefangener von Islamisten. Ein lebendiges Zeugnis.
Pier Luigi Maccalli
| Pier Luigi Maccalli berichtet über seine zweijährige Gefangenschaft in der Sahara.

Pater Pier Luigi Maccalli ist für das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ nach Düsseldorf gekommen. Dort spricht er auf dem „Abend der Zeugen“ während der Solidaritätsaktion „Red Wednesday“ für verfolgte und diskriminierte Christen. Verfolgt und diskriminiert wurde Pater Maccalli in der Tat. Am Eingang der für diesen Abend blutrot angestrahlten Kirche St. Suitbertus in Düsseldorf-Kaiserswerth sagt er verschmitzt: „Ich weiß, ich bin viel kleiner als auf den Fotos“. Auch unter der FFP-2-Maske erkennt man sein herzliches Lächeln, die Augen strahlen umkränzt von Lachfältchen. Er sieht viel jünger aus als auf jenen Fotos, die direkt nach seiner Freilassung gemacht worden waren. Und gesünder. „Ich habe jetzt wieder zehn Kilo zugenommen, nachdem ich in der Sahara 20 Kilo abgenommen hatte“, bestätigt er.

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2018 war der italienische Afrikamissionar in seinem Haus in der Diözese Niamey (Niger) von islamistischen Milizen entführt wurden. Über zwei Jahre lang hielten sie ihn gefangen und scheuchten ihn gemeinsam mit anderen Geiseln kreuz und quer durch die Sahara. Wer genau seine Entführer waren? „Junge Männer, denen man ein Handy und eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt und losgeschickt hatte, um ,große Dinge für Allah‘ zu vollbringen“, sagt Pater Maccalli. Woher sie kamen? „Grenzen kennen sie nicht. Was sie eint, ist nur der Islam.“

Anfangs war er über 20 Tage an einen Baum gekettet gewesen. Später ging es motorisiert durch die Wüste. Wurde eine Drohne am Himmel entdeckt, ging es sofort weiter. „Die Tage vergingen langsam. Mein Gefängnis war zwar an der frischen Luft unter freiem Himmel, doch ich trank Wasser, das nach Benzin schmeckte und hatte Ketten an meinen Füßen.“ Ein Kettenglied hat er sich als „Souvenir“ mitgenommen, ebenso den selbstgebastelten Rosenkranz an seinem Handgelenk und zwei unscheinbare selbstgeschnitzte Stöcke. „Zu meiner Gebetszeit konnte ich die Stöcke zu einem Kreuz zusammenstecken und im Notfall mit einem Ruck wieder auseinandernehmen. Kreuze waren nicht erlaubt.“ Von den Ketten abgesehen sei er den Umständen entsprechend gut behandelt worden. Keiner habe ihn geschlagen oder misshandelt. Darum habe er auch kein Trauma aus seiner Gefangenschaft zurückbehalten. „Ich schlafe sehr gut“, versichert er.

Doch wenn er von seiner Zeit in der Wüste erzählt, beugt er sich nach vorne, atmet schwer, das Gesicht rötet sich und die Augen werden feucht. Wenn er so dasitzt, möchte man ihm schon aus reinem Anstand keine Fragen mehr stellen. Aber man soll, er besteht darauf. Was ihn bedrückt hat? „Die gewaltsamen Worte. Ich bin ein Mann des Wortes und viele Worte haben mich verletzt.“ Was ihm am meisten gefehlt hat? Pater Maccalli zögert nicht eine Sekunde: „Kommunikation! Wir sind Gemeinschaftswesen, so hat uns Gott geschaffen. Keinen Kontakt mit der Außenwelt zu haben, das war für mich das Schlimmste.“ Was ihn am meisten getragen hat? Seine Stimme bricht. „Das Gebet. Und kleine Zeichen Gottes.“

In der Wüste hinterlassen die Nomaden sich gegenseitig Botschaften. Meist sind es nur kleine Hinweise zur Wetterlage: Ein grünes Blatt unter einem Stein oder eingeritzte Zeichen in Felsbrocken. „Doch eines Tages blickte ich auf einen Felsen und dort stand: ,Gott liebt Dich!‘ Das war seine Botschaft für mich.“ Und dann kam das Wunder: Ein Islamistenanführer kam auf Pater Maccalli zu und sagte: „Aufbruch!“ Wieder ging es durch die Wüste, doch diesmal zu einem Konvoi der malischen Armee, dem er übergeben wurde. Am 6. Oktober 2020 war Pater Maccalli endlich wieder ein freier Mann. Wieso er freigelassen wurde, weiß er nicht. Aber er vermutet, dass im Gegenzug einige Islamisten die Gefängnisse verlassen durften, und er mahnt, seine Mitgeiseln nicht zu vergessen: „Es sind immer noch so viele in der Gewalt der Islamisten. Manche schon drei, andere sogar sechs Jahre. Europäer und Afrikaner.“

Um an ihr Schicksal zu erinnern und für sie zu beten, nimmt Pater Maccalli am „Abend der Zeugen“ von „Kirche in Not“ teil. Und dort sieht man nach dem von Natur aus fröhlichen Italiener und der von der Erfahrung gebeugten ehemaligen Geisel noch eine dritte Facette seines Wesens: den ernsten und entschlossenen Priester. „Drei Geschenke hat mir die Wüste gemacht“, ruft er in den blutrot ausgeleuchteten Innenraum von St. Suitbertus. „Die Gemeinschaft mit den Gefangenen, die Bedeutung der Kommunikation mit der Außenwelt und die große Stille, die ins Gebet führt.“ Jedes dieser drei Geschenke legt er den Zuhörern geistlich aus, es scheint ihm die größte Kostbarkeit seines Lebens zu sein, die er da aus seiner Gefangenschaft mitgebracht hat. Er trägt sie in sich und mit seinen „Souvenirs“ auch bei sich. Und lieber heute als morgen möchte er wieder zurück nach Afrika. „Ich bin Missionar, was soll ich sonst tun?“ sagt er lächelnd, als er St. Suitbertus an diesem Abend in Richtung Heimat verlässt.

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