Gottsuche in der Wüste

Mit der Gemeinschaft Emmanuel in der Wüste Jordaniens: Wie 34 Pilger ihre Exerzitien erleben. Von Benedikt Winkler
Ein provisorischer Altar bei den Wüstenexerzitien
Foto: Andreas Lee | Ein provisorischer Altar: Die Teilnehmer der Wüstenexerzitien feierten täglich eine Eucharistiefeier unter freiem Himmel.

In Deutschland machen nur die wenigsten eine Erfahrung mit Gott, die wenigsten gehen noch jeden Sonntag in die Kirche. Wir zweifeln, wir hadern mit der katholischen Kirche, sind Passiv-Christen. So mancher redet von einer „Glaubenswüste“ oder vom „sinkenden Grundwasserspiegel des Glaubens“. Es mag am stressigen Manager-Alltag liegen, am Überfluss, am Gremienkatholizismus, an Strukturfragen. Wer glaubt noch an die Fülle, die Gott schenken will, an Wunder, an die mysteriösen Wege Gottes, der so ganz anders ist.

Nur mit Stift, Bibel, Rosenkranz, Trinkwasser und ein bisschen Verpflegung sind 34 Deutsche aufgebrochen, unter ihnen Ingenieure, Banker, IT-Berater, Ärzte. Mit dem Flugzeug ging es zunächst nach Amman, nicht um in der Vier-Millionen-Einwohner-Stadt in Fünf-Sterne-Hotels zu schlafen, sondern um die Zivilisation und den Luxus für vierzehn Tage zurückzulassen und um in der jordanischen Wüste Exerzitien zu machen. In der Wüste lässt es sich leichter in die biblischen Personen und Orte hineinversetzen. Mit Mose durch die Wüste zu gehen macht den Auszug aus Ägypten vor dreitausend Jahren oder die Geschichte vom brennenden Dornbusch so richtig verstehbar. Sandwind, Felsgestein, grasende Schafherden, die duftenden Königskerzen am Wegesrand, an manchen Orten sogar lila-weiße Blumenteppiche. Alle Teamer von der Gemeinschaft Emmanuel gaben sich biblische Namen wie Mose, Zippora, Josua oder Miriam. Die fünf katholischen Priester nannten sich Aaron, Eleasar oder Eli. Außerdem begleitete ein verheiratetes Ehepaar „Jitro und Jitra“ die Unter-Dreißigjährigen. Jeden Tag wurden Impulse gegeben. In zwei Gruppen „St. Katharina“ und „St. Antonius“, je nach Lebensstand, verheiratet und unverheiratet, war die Gruppe sechs Stunden am Tag unterwegs.

Wahrscheinlich lässt sich die Unbegreiflichkeit Gottes erst so richtig ohne Handy verstehen, ohne die ständige Erreichbarkeit, wenn so manche Wolke des Nicht-Wissens über die Pilger hinwegzieht und sie einlädt, einfach Gott zu vertrauen auf unbekanntem, neuen Terrain. „Hätten die USA und Russland einen Krieg begonnen, wir hätten es nicht mitgekriegt“, erzählt der dreißigjährige Reinhard Gierl, der sonst eine 50–60-Stunden-Woche hat und im Bayerischen Wald lebt.

Welche Größe muss Gott haben, fragt sich die 25-jährige Lucia Berktold aus dem Allgäu, während sie im Schlafsack unter freiem Sternenhimmel die kalten Wüstennächte verbringt. Nachts sind es minus vier, tagsüber 20 bis 30 Grad. „Die Schönheit der Schöpfung im Urzustand ist kein Zufallsprodukt“, sagt die Münsteranerin Ursula Niederberghaus. Die ursprüngliche Landschaft habe ihr wieder neu bestätigt, ja, es gibt Gott. „Unser muslimischer Beduinenführer sagte uns, dass er das ebenfalls so empfindet“, erzählt sie. „Und so denken wohl auch die Hirten, die wir fast täglich mit ihren Schafen, Ziegen und Dromedaren gesehen haben.“ Häufig musste sie an die biblische Metapher des „Guten Hirten“ denken, wenn sie tagsüber mit den anderen schweigend durch den Wüstensand gelaufen ist, die Psalmen meditiert oder morgens den Raureif vom Schlafsack gekratzt hat. Wie die anderen hat sie sich auf die Zeit eingelassen, auf die Vorsehung vertraut, Kontrolle abgegeben. Der 46-jährige Bremer Christian Maas, wie er selbst sagt, aus „der Mitte des Lebens“, war der einzige Protestant unter den Pilgern. Ein katholischer Freund, den er auf einer Alm in Südtirol kennenlernte, erzählte ihm von den Wüstenexerzitien der Gemeinschaft Emmanuel. In der Wüste Jordaniens hat er den Katholizismus neu erfahren dürfen, als an Freiluftaltären heilige Messen gefeiert und die Kommunion empfangen wurde. So manches „schnöde Gebet“, das man im Alltag so spricht, wurde in der Wüste Jordaniens zu einem Herzensgebet, bekam Tiefe. Nachts in der Auseinandersetzung allein mit dem Heiligen Geist hat sich der gelernte Behindertenpfleger gefragt, ob das, was er beruflich tue, passend und richtig ist. Tagsüber hat er das Heilungswunder Jesu am Teich von Bethesda meditiert, welches im Johannes-Evangelium zu finden ist. Exerzitien sind geistliche Übungen, Reflexion auf das Wesentliche. Fußspuren im Wüstensand, eine Blume am Wegesrand, die Geburt eines Lammes, das wackelig zu Boden fällt, macht ehrfürchtig vor Gott und seiner Schöpfung. Die Wüstenexerzitien sollen ein „einmaliges Erlebnis“ sein und bleiben, sagt Matthias Petersen, einer der Initiatoren. Aus diesem Grund rät die Gemeinschaft Emmanuel von einer zweiten Teilnahme ab.

www.wuestenexerzitien.de

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