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Moral als neue Religionsfreiheit

Der Philosoph Alexander Grau sieht in Moralismus eine Ersatzreligion und erklärt, was das Kernproblem der christlichen Kirchen in Europa ist.
Alexander Grau, Philosoph
Foto: Privat | Der Philosoph Alexander Grau schreibt im Magazin "Cicero" regelmäßig die Kolumne "Grauzone".

Für den Philosophen Alexander Grau ist Moral die neue Religion. Die Ursache dafür sei die Säkularisierung, erklärt er im Gespräch mit der „Tagespost“. „Erst wurden die Erzählungen und metaphysischen Annahmen traditioneller Religion unglaubwürdig. Dann führten die Ersatzreligionen – Nationalismus, Sozialismus – in die Katastrophe.“ Wenn die Moral zur Religion wird, müssten die letzten Restbestände traditioneller Religiosität moralistisch umgedeutet werden, so Grau, der auch als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist arbeitet. Das Kernproblem der christlichen Kirchen in Europa sieht Grau darin, dass deren Vorstellungs- und Glaubenswelt sowie deren Sprache und Bilder „nicht mit dem Vokabular und dem Denken der Moderne vereinbar“ seien. Was bleibt sei ein gewisses „Kultur- und Kasualchristentum, das sich aber von der christlichen Dogmatik weit entfernt hat und häufig in fernöstliche Spiritualitätstechniken“ flüchte, meint Grau. Deren metaphysische Annahmen seien leichter mit dem wissenschaftlichen und technischen Denken unserer Zeit vereinbar.

Die Gesellschaft sieht der Philosoph Grau in einem Modus permanenter Veränderung von überlieferten Wertvorstellungen und Normen. Moralismus werde zum Lifestyle, der die Zugehörigkeit zur Gruppe der Modernen und Erfolgreichen beglaubige. Grau wörtlich: „Die Transformation der Werte, die wir beobachten, ist daher ein Stück weit unvermeidbar und konsequent.“

DT

Das komplette Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der "Tagespost" vom 01. Februar.

Themen & Autoren
Alexander Grau Christliche Kirchen Wertvorstellungen

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