Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Fall von der Tann: Journalisten müssen sich über Kritik freuen

Der ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann wird vorgeworfen, zu pro-palästinensisch zu berichten. Ihre Unterstützer sehen darin eine Kampagne. Hört mit der Verdachtskultur auf – nach allen Seiten.
Die ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann
Foto: IMAGO / Future Image | Aktuell sorgt die Verleihung des Hans-Joachim-Friedrichs-Preises an die ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann für Aufregung. Die eine Seite wirft ihr vor, einseitig nur pro-palästinensisch zu berichten.

Kritik gehört zum journalistischen Geschäft. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Journalisten müssen Kritik üben, sie müssen aber auch Kritik aushalten. Ja, noch mehr: Es ist sogar ein Zeichen von öffentlicher Relevanz, wenn die eigene Arbeit einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen wird. Kritik adelt, denn unwichtiger Journalismus regt niemanden auf. Er versendet sich irgendwo unter der Wahrnehmungsschwelle.

Lesen Sie auch:

Aktuell sorgt die Verleihung des Hans-Joachim-Friedrichs-Preises an die ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann für Aufregung. Die eine Seite wirft ihr vor, einseitig nur pro-palästinensisch zu berichten. Die andere sieht hier nun eine Kampagne am Werk, mit der die fachliche Reputation der Korrespondentin in Frage gestellt werden soll.

Kritik muss ernst genommen werden

Grundsätzlich gilt aber auch hier: Streit ist gut. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Es ist der große Vorteil unserer pluralistischen Medienlandschaft, dass solche journalistische Arbeit unterschiedlich bewertet werden darf. Freilich, und das ist zentral: Die Kritik muss mit Argumenten einhergehen. Dann kann so eine Debatte für alle Beteiligten anregend sein. Es ist eigentlich ganz einfach. Und am Ende muss sich jeder ein eigenes Bild machen.

Sicher: Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist anders als die privaten Medien in größerer Weise dazu verpflichtet, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzubilden. Ein Tipp an die Intendanten: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Es kann nicht darum gehen, von der Tann zu canceln. Aber Kritik muss ernst genommen werden, man darf sie nicht einfach abtun und zur Tagesordnung übergehen.   

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse

Weitere Artikel

In der Hochphase hatte der links-progressive Konformismus Medien und Kulturbetrieb fest im Griff. Heute sei die Linke dabei, sich neu auszurichten, sagt Zeit-Journalist Ijoma Mangold.
18.09.2026, 17 Uhr
Benjamin Leven
Ulf Poschardt legt nach seiner Kritik am „Shitbürgertum“ mit einem neuen Buch nach. Nun liest er dem „Bückbürgertum“ die Leviten. Sogar Selbstkritik hat darin Platz – zumindest ein wenig.
17.07.2026, 11 Uhr
Jakob Ranke
Regensburger Laien kritisieren Jan Böhmermann für dessen Verunglimpfung der Lebensrechtsbewegung. Richtig so. Niveau scheint für den selbsternannten Satiriker ein Fremdwort zu sein.
05.12.2025, 17 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Trump beruft Bischof Barron in die Kommission für internationale Religionsfreiheit. Das lässt hoffen, dass er die oft so befremdlich agierende US-Regierung mit Augenmaß zum Nachdenken anregt.
18.09.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Nachdem die Szene im Internet als eucharistisches Wunder gedeutet wurde, stellt Pfarrer Brent Bowman klar: Er habe eine „persönliche geistliche Erfahrung“ gemacht.
18.09.2026, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Ein Jahr nach der Liberalisierung des rheinland-pfälzischen Bestattungsgesetzes hat sich netto nicht viel geändert. Dennoch ist Wachsamkeit angesagt.
18.09.2026, 09 Uhr
Regina Einig
Der Heilige Stuhl hat mehrere protokollarische Wünsche der französischen Regierung für die Reise Leos XIV. abgelehnt.
16.09.2026, 18 Uhr
Meldung