Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Der stumme Mann und das Meer

Malachy Tallack hat einen einfühlsamen Roman über einen schottischen Musiker geschrieben, dem es nach einem Schicksalsschlag die Sprache verschlägt. Den Soundtrack dazu hat er gleich selbst geschrieben.
Malachy Tallack
Foto: IMAGO/Philippe Matsas | Der schottische Autor Malachy Tallack ist wie der Protagonist seines neuen Buches auch Country-Musiker.

Wenn man auf den zu Schottland gehörenden Shetlandinseln aufwächst, ist man das raue Klima des Nordatlantiks gewohnt, das die Menschen des dünn besiedelten Eilands bis heute prägt. Dort hat der 1980 geborene Schriftsteller, Journalist und Musiker Malachy Tallack seinen Roman „Der Ozean so wild und weit“ angesiedelt. Der kitschig anmutende Titel (im Original „That Beautiful Atlantic Waltz“) täuscht – das Buch erzählt von der Liebe zum Meer und der kargen Landschaft der Inseln und lässt ein einfühlsames Porträt seiner Bewohner entstehen.

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Jack Paton, der Protagonist der Geschichte, lebt Jahre nach dem tragischen Tod seiner Eltern zurückgezogen im alten Haus seiner Familie und erscheint wie ein Teil der ihn umgebenden Natur: schweigsam, ernst und herb. Sein Vater Sonny arbeitete Ende der 1950er-Jahre, gerade zwanzig Jahre alt, als Walfänger im Südatlantik, als sein Schiff in eine Riesenwelle geriet, die Schiff und Mannschaft zu vernichten drohte.

Das Schicksal schlägt zu

Durch ein Wunder überleben alle den katastrophalen Sturm, und Sonny kehrt auf die heimatlichen Shetlandinseln zurück, um mit seiner großen Liebe Kathleen eine Existenz aufzubauen. Es gelingt ganz gut, auch wenn die brutale Zeit auf See schwer auf ihm lastet. Ein Haus wird gebaut, Jack wird geboren. Das Schicksal schlägt zu, als der höchst musikalische Junge zwanzig Jahre alt ist und zum ersten und einzigen Mal mit seiner Gitarre die Inseln verlässt, um in Glasgow Arbeit als Countrymusiker zu finden. Bevor es dazu kommen kann, ereilt ihn die Nachricht, dass beide Eltern bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen sind, und Jack kehrt nach Hause zurück, um nie wieder fortzugehen.

Das Unglück lässt ihn fast verstummen, der menschenscheue junge Mann zieht sich in sich selbst zurück und gibt alle noch vorhandenen Emotionen in seine Musik – er komponiert und schreibt Texte, die Freiheit und Sehnsucht nach einem anderen Leben ausdrücken, wie es die Countrymusik für ihn schon immer verkörpert hat:

„Jack Paton hatte Country-Sänger sein wollen, ein Mann, dessen Worte und dessen Stimme gebrochene Herzen heilen konnten, dessen Songs Zuhörer aufrichten und zu sich selbst zurückführen konnten. Er hatte auf einer Bühne stehen, einen Raum mit seiner Musik füllen und Menschen rühren wollen – sie lächeln und weinen sehen wollen, im Wissen, dass sie den Raum mit seinen Melodien auf den Lippen und seinen Texten in ihren Gedanken verlassen würden.“

Musik spricht, wo Worte fehlen

Musik ist für Jack die Sprache, mit der man sich mitteilen kann, wenn man zur verbalen Kommunikation nicht in der Lage ist. Nun, mit vierzig Jahren, spielt er nur für sich. Bis erst eine Katze und dann ein junges Mädchen in sein Leben einbrechen und es doch noch eine Wende gibt. Malachy Tallack ist auch Musiker und weiß, worüber er schreibt. Parallel zum Buch ist die Musik erschienen: das Album „That Beautiful Atlantic Waltz“, dessen Texte handschriftlich im Roman verewigt sind. 

Das Buch gleitet zwischen der Geschichte des Vaters und der des Sohnes hin und her, es erzählt in ruhigem Fluss vom Leben und seinen Fährnissen, von der umfassenden Schöpfung – der Natur, den Tieren und Pflanzen und natürlich von den Menschen mit ihren Schicksalen. Vom ganz individuellen Platz in der Welt, vom letztlich doch Aufeinanderangewiesensein, von Freundschaft, die hilft, die Last des manchmal schweren Erbes der Eltern und Großeltern, vor dem man nicht fliehen kann, zu tragen.

Dass man Hilfe und Zuneigung annehmen darf und dass Verantwortung nicht nur Belastung bedeutet, sondern auch Erfüllung. Es gibt vorsichtige Annäherungen und unerwartete Wendungen. Und jeder lose Faden wird am Ende verknüpft. Es zeigt, wie alles miteinander zusammenhängt und dass man zarte Hoffnungsschimmer zulassen kann. Der Roman beginnt hochdramatisch mit Jacks Vater und dem Töten der Wale. Und er endet folgerichtig mit Jacks Eltern und einem sehr lebendigen Wal.


Malachy Tallack: Der Ozean so wild und weit, aus dem schottischen Englisch von Klaus Berr und Cornelius Reiber, München: Luchterhand Literaturverlag, 2026, 288 Seiten, gebunden, EUR 24,–

Die Rezensentin lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.

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