Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Überblick Berlinale 2026

Die neue deutsche Filmwelle ist weiblich 

Die 76. Berlinale präsentiert einen deutschen Nachwuchs, der weibliche Perspektiven, institutionelle Gewalt und soziale Realität ins Zentrum rückt. 
Heike (Sabine Thalau) droht, zwischen den Ansprüchen der Kunden und dem Mitarbeiter-Management aufgerieben zu werden. Ein halbdokumentarischer Film, der seine Wucht aus seiner Zurückhaltung gewinnt.
Foto: Louis Dickhaut, Frederik Seeberger | Heike (Sabine Thalau) droht, zwischen den Ansprüchen der Kunden und dem Mitarbeiter-Management aufgerieben zu werden. Ein halbdokumentarischer Film, der seine Wucht aus seiner Zurückhaltung gewinnt.

Wenn Berlin im Februar zur Kinostadt wird, ist das weit mehr als ein Branchentreff. Die Berlinale zählt zu den größten Publikumsfestivals der Welt. Nach den Pandemiejahren zog das Interesse wieder stark an: 2023 kamen rund 320.000 Besucher, 2024 mehr als 329.000; 2025 wurden rund 336.000 Eintrittskarten verkauft. Auch strukturell befindet sich das Festival im Wandel. Nach der Ära Dieter Kosslick (2001–2019) übernahmen 2020 Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, verschlankten Sektionen und setzten mit „Encounters“ einen Akzent für unabhängige, experimentelle Handschriften. Seit 2025 führt Tricia Tuttle die Berlinale; sie ersetzte „Encounters“ durch „Perspectives“, eine Reihe für internationale Spielfilmdebüts. 2026 zeigt die neue Sektion erneut 14 Erstlingswerke. 

Herzstück bleibt der Wettbewerb, der laut Tuttle „die ganze Bandbreite des Kinos“ abbilden soll – in diesem Jahr mit 22 Spielfilmen, darunter ein Animationsfilm. Dass Sektionen kommen und gehen, ist Berlinale-Logik: Die frühere Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ (2002–2023) ist zwar Geschichte, doch der Nachwuchs bleibt sichtbar. Neun deutsche Debüt- und Zweitfilme konkurrieren sektionsübergreifend um den mit 5.000 Euro dotierten Heiner-Carow-Preis der DEFA-Stiftung. 2025 gewann ihn Philipp Döring für den Dokumentarfilm „Palliativstation“. 

Männer bleiben Randfiguren

Als „deutsch“ gelten – wie auch insgesamt bei der Berlinale – Produktionen mit Deutschland als federführendem Produktionsland. So gilt der in der Sektion Panorama vorgestellte Spielfilm „The Education of Jane Cumming“ von Sophie Heldman als deutscher Film, weil dessen Hauptproduktionsfirma die deutsche „Heimatfilm“ ist, obwohl er im Jahr 1820 in der Nähe von Edinburgh angesiedelt ist und auf Englisch mit britischen Schauspielern gedreht wurde. 

Der auf realen Ereignissen basierende Film erzählt von einer Privatschule, deren fragile Ordnung kippt, als die 15-jährige Jane Cumming aus Indien aufgenommen wird. Es ist eine durch und durch weiblich geprägte Welt; Männer bleiben Randfiguren. Damit steht Heldmans Arbeit exemplarisch für eine auffällige Tendenz in den neun deutschen Nachwuchsfilmen: Regisseurinnen und Regisseure sind zwar zahlenmäßig ähnlich vertreten, doch erzählerisch dominieren weibliche Hauptfiguren und weibliche Erfahrungswelten. 

Das gilt besonders für „Liebhaberinnen“ (Forum). Regisseurin Koxi (Caroline Kox) adaptiert Elfriede Jelineks Roman als Gegenwartserzählung über zwei gegensätzliche Frauen: das junge Cam-Girl Paula und die Messe-Hostess Brigitte. Letztere spürt immer deutlicher den „schrumpfenden Marktwert ihrer Weiblichkeit“ – so die Filmemacher –, was sie dazu führt, einen wohlhabenden jungen Mann zu ihrem Liebhaber zu machen. Nach Jahrzehnten Feminismus schafft sie gerade noch den Weg nach oben auf genau dieselbe Art wie Marilyn Monroe und Lauren Bacall 1953 in Jean Negulescos „Wie angelt man sich einen Millionär?“ („How to Marry a Millionaire“), während die ach so selbstbestimmte Paula dort landet, wo Brigitte angefangen hatte: Der Kreislauf, den der Film ohne didaktische Überhöhung – bitter, präzise, gegenwartsnah – beschreibt, schließt sich. 

Im Forum läuft auch Daniela Magnani Hüllers Dokumentarfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“. Die Regisseurin rekonstruiert den Femizidversuch, den sie seitens eines bereits zuvor übergriffigen Mitschülers vor 14 Jahren überlebte. Mit großer Zurückhaltung und besonderer Sachlichkeit setzt sie sich mit den Nachwirkungen eines Gewaltverbrechens auseinander. Sie sucht nach Verantwortung: bei Einzelnen, Schule, Justiz und Gesellschaft. Gerade die Zurückhaltung verleiht dem Film, der mit seinem Sujet Gewalt gegen Frauen eine dezidiert weibliche Perspektive einnimmt, seine Wucht. 

Zwischen chinesischer Tradition und Berliner Szene

In „Two mountains weighing down my chest“ (Panorama) erzählt die angehende chinesische Künstlerin Viv von der Spannung zwischen ihrer traditionellen Familie in China und den neu gewonnenen Freiheiten – darunter auch unter Pornodarstellern – in der Berliner „Szene“. Ihre Arbeit fügt sich in eine Reihe weiblicher Perspektiven, die intime Selbstverortung und gesellschaftlichen Druck miteinander verschränken. Dass die Regisseurin mit ihrem Kurzfilm „Across the Waters“ – der von einem jungen Mädchen in einer abgelegenen Bergbauregion handelte – in Cannes 2024 den „Lights On Women’s Worth Award“ gewann, unterstreicht die weibliche Perspektive ihres Filmschaffens. 

Ebenfalls im Panorama: „Allegro Pastell“ von Anna Roller nach dem Roman von Leif Randt, der auch am Drehbuch beteiligt ist. Der Film blickt in Pastelltönen auf die Jahre 2018 bis 2020 und auf eine Fernbeziehung zwischen der Berliner Autorin Tanja und dem Webdesigner Jerome im Maintal. Entstanden ist ein Generationenporträt der späten 2010er: Der Film trifft ein Lebensgefühl, das damals modern wirkte und heute schon fast historisch erscheint: maximale Optionen, minimale Gewissheiten, Nähe zu wollen, ohne sich festlegen zu lassen, Selbstinszenierung und die Sehnsucht nach Kontrolle in einer scheinbar offenen Welt, das paradoxe Gefühl, zugleich zu jung und schon erschöpft zu sein. Und doch überwiegt eher Tanjas weibliche Sicht. 

Bei Heldmans „The Education of Jane Cumming“ kommt ein weiterer Berlinale-Aspekt, der auch erklärt, warum die Regisseurin einen historischen Stoff aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts für ihren Film als Gegenwartsfrage liest: „Ich bin die Tochter einer mexikanischen Mutter und eines deutschen Vaters und bin in der Schweiz aufgewachsen, wo mich meine Eltern auf eine Klosterschule schickten. Dort erlebte ich die Dämonisierung natürlicher Gefühle. In einem Alter, in dem ich noch nichts über Sexualität wusste, behaupteten die Nonnen, ich sei lesbisch. Was zu diesem Zeitpunkt eine Verleumdung war, zielte dennoch im Wesentlichen auf die Wahrheit ab. Ich rebellierte und wurde von der Schule verwiesen.“ 

Auf dem Nacken einer Schichtarbeiterin

Faraz Shariat, der 2020 mit „Futur Drei“ ein mit dem „Teddy Award“ ausgezeichnetes queeres, postmigrantisches Coming-of-Age vorlegte, präsentiert diesmal den Spielfilm „Staatsschutz“. Im Zentrum steht eine deutsch-koreanische Staatsanwältin, die nach einem rassistischen Anschlag auf ihr Leben ein System herausfordert, das rechtsextremen Terror verharmlost. „Queerness“ erscheint hier weniger als Handlungsthema, denn als Perspektive: in der Frage, wer spricht, wem geglaubt wird und wie institutionelle Gewalt gerahmt wird. Eine Gegenbewegung zur dominanten Linie bietet „The lights they fall“ (in der Sektion Generation). Zwar spielt eine mexikanische Palliativpflegerin eine wichtige Rolle, im Fokus steht jedoch der 16-jährige Ilay, der den nahenden Tod seiner Mutter nicht akzeptieren kann. Der Film erhält einen esoterischen Schlag: Ilays Schlaflosigkeit führt dazu, dass er zunehmend zu einem Geist mutiert. 

Am stärksten im deutschen Nachwuchsfeld wirkt jedoch ein Film, der auf große Thesen verzichtet: „Ich verstehe Ihren Unmut“ von Kilian Armando Friedrich. Der Film begleitet die Wege der 59-jährigen Objektreinigungsleiterin Heike (eine herausragende Sabine Thalau) in halbdokumentarischer Dichte durch Bürohäuser, Flure, Beschwerden, Schichtpläne – ein Alltag im Niedriglohnsektor, der kein Ende kennt. Die Kamera bleibt unangenehm nah, teilweise im Nacken der Protagonistin; der Druck wird körperlich spürbar. Daraus entsteht ein präzises Bild moderner Erschöpfung. 

Gerade weil der Film soziale Missstände nicht ausstellt, sondern in Arbeitsabläufen sichtbar macht, entfaltet er filmische Kraft – im Gegensatz zu den Sozialdramen bestimmter Regisseure, etwa Ken Loach. Dass so gut wie alle Beschäftigten Ausländer sind, wird nicht plakativ betont; der Blick bleibt bei Heike und ihrer zermürbenden Vermittlungsarbeit. Anders als die meisten der Beiträge, die um den Heiner-Carow-Preis konkurrieren, ist hier zwar eine Frau die Hauptfigur – aber Weiblichkeit wird nicht zum programmatischen Etikett. Auch darin liegt möglicherweise die Stärke dieses leisen, hochkonzentrierten Sozialdramas. 


Der Autor schreibt aus Berlin zu Film und Fernsehen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
José García Dieter Kosslick Ken Loach Terrorismus

Weitere Artikel

Vom 13. bis 23. Februar werden in Berlin erneut tausende Cinephile aus aller Welt erwartet. Was darf das Berlinale-Publikum von der neuen Intendantin erwarten?
13.02.2025, 15 Uhr
José García
Am 25. Dezember startet „Der Medicus II“ im Kino. Ein Tagespost-Exklusivinterview mit Regisseur Philipp Stölzl über eine filmische Historien-Fiktion zwischen Religion und Wissenschaft.
25.12.2025, 14 Uhr
Norbert Fink
Anfang März veranstaltet die Aktion Lebensrecht für Alle den Internationalen Kongresses zur Leihmutterschaft. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit der ALfA-Vorsitzenden Cornelia Kaminski.
06.02.2026, 19 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Beten und Meditieren mit Samuel Koch, Tobias Haberl und den Brüdern Karamasow: Die Gebets-App „Hallow“ bietet in diesem Jahr die Fasteninitiative „Die Umkehr“ an.
16.02.2026, 14 Uhr
Meldung
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst