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Der Metzger – mein Vater 

In „Andor Hirsch“ erzählt László Nemes von einem Jungen-Schicksal in Budapest 1957.
Der 12-jährige Andor (Bojtorján Barabás) lebt mit seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics) im Budapest des Jahres 1957. Von seinem verschollenen Vater macht er sich ein Idealbild.
Foto: MUBI | Der 12-jährige Andor (Bojtorján Barabás) lebt mit seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics) im Budapest des Jahres 1957. Von seinem verschollenen Vater macht er sich ein Idealbild.

Mit seinem Spielfilmdebüt „Son of Saul“ gewann László Nemes 2016 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. In „Andor Hirsch“ kehrt der ungarische Regisseur nach Budapest zurück – ins Jahr 1957, wenige Monate nach dem Volksaufstand. Das historische Ereignis bildet jedoch nur den Hintergrund für eine Familiengeschichte, die laut dem Regisseur auf der Kindheit seines Vaters basiert, zugleich aber universelle Züge trägt.

 Der zwölfjährige Andor (Bojtorján Barabás) lebt mit seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics). Sein Vater, so hat er es gelernt, sei im Holocaust verschwunden. Aus wenigen Gegenständen hat sich der Junge ein Bild des abwesenden Vaters geschaffen. Dann taucht der grobe Metzger Mihály Berend (Grégory Gadebois) auf, und behauptet, Andors wirklicher Vater zu sein – was den Jungen völlig aus der Bahn wirft. „Der Film erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich mit einem Vater auseinandersetzen muss, der nicht derjenige ist, für den er ihn gehalten hat“, sagt Nemes. Darin liegt die Zumutung des Films: Wie lässt sich ein Idealbild mit der brutalen Realität versöhnen? 

Vaterlos - heimatlos 

„Andor Hirsch“ wird zur Parabel auf ein Land, das nach Holocaust, Krieg und gescheiterter Revolution mit einer Realität leben muss, „die für Hunderttausende Menschen – vor allem in Osteuropa – sehr hart war“, so Nemes. Die Kamera bleibt mit beklemmender Nähe an Andors Wahrnehmung gebunden. Seine Wut entlädt sich in nervösem Hin und Her durch die Ruinen Budapests, die die Narben der Geschichte offenbaren. 

„Andor Hirsch“ erzählt von Vaterlosigkeit und von der Sehnsucht nach Ersatzvätern – im Privaten wie im Politischen. Es gebe ein „tiefes generationenübergreifendes und gesellschaftliches Trauma“, sagt Nemes. Wenn man sich den eigenen Schatten nicht stelle, „landen wir in der Hölle“. Der Film endet dennoch nicht in Hoffnungslosigkeit, denn Wahrheit kann, so schmerzhaft sie auch ist, ein Anfang sein. 

Andor Hirsch. Ungarn 2025, 132 Min. Regisseur: László Nemes. Im Kino ab dem 14. Mai .


Der Autor schreibt aus Berlin zu Film- und Popkultur.

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