Die Massaker der palästinensischen Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 waren eine Zäsur – sowohl für Israel als auch für das jüdische Leben in Deutschland. Es war nicht nur das größte Pogrom an Juden seit dem Holocaust. Die Gewaltexzesse der Islamisten hatten auch zur Folge, dass sich der Antisemitismus in der Bundesrepublik seitdem noch enthemmter und aggressiver zeigt als zuvor schon.
Die ohnehin schon alarmierenden Judenhass-Fallzahlen sind seitdem noch mal geradezu explodiert. Bundesweit ist eine Zunahme von rund 400 Prozent zu verzeichnen. Besonders alarmierend: der israelbezogene Menschenhass. In Neukölln etwa verliehen arabischstämmige Berliner, nur wenige Stunden nach dem 7. Oktober, mit Baklava und Hupkonzerten ihrer Freude über die Massaker Ausdruck.
Das Gros der Juden fühlt sich infolgedessen entfremdet von der eigenen Heimat. Viele, besonders junge jüdische Familien, fragen sich: Wie können wir angesichts dieser massiven Anfeindungen vor allem aus der muslimischen Gemeinschaft und aus politisch linken Milieus – begleitet vom klassischen Judenhass von Rechtsextremen – in Frieden und Freiheit im eigenen Land leben?
Die erste akute Maßnahme muss lauten, dem Judenhass politisch, medial und gesellschaftlich entschieden entgegenzutreten: und zwar nicht nur, wenn es sich um Rechtsextreme handelt, sondern auch, wenn die Antisemiten wie allzu häufig Migranten, Muslime oder linke Deutsche ohne Migrationshintergrund sind. Im Grunde ist es banal: Es darf keinen Kulturrabatt auf Menschenhass geben.
Es gab auch Solidarität
Zugleich gab es nach dem 7. Oktober auch Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft. Ich persönlich erhielt in den letzten drei Jahren immer wieder auch ebenso empathische wie solidarische Zuschriften. Es waren zumeist nur wenige Worte, aber umso größer war die Wirkung. „Wie geht es Ihnen? Können wir Sie irgendwie unterstützen?“, schrieben viele. Andere versprachen: „Wir können uns vorstellen, wie Sie sich gerade fühlen. Wir stehen an Ihrer Seite!“
Doch fast alle Absender hatten etwas gemein, das ich viel früher hätte sehen können, tatsächlich aber erst nach dem 7. Oktober 2023 wirklich wahrnahm. Die allermeisten dieser Zuschriften kamen von christlichen Lesern. Dafür möchte ich mich, vielleicht ist dieser Gastbeitrag in der „Tagespost“ dafür der richtige Platz, von Herzen bedanken. Papst Johannes Paul II. hatte die Juden seinerzeit als „unsere bevorzugten Brüder“ und „älteren Brüder im Glauben“ bezeichnet. Er hatte Recht: Christen und Juden verbindet ungemein viel. Historisch, theologisch, menschlich – und nicht zuletzt auch der nicht unkritische, aber unvoreingenommene und faire und kompetente Blick auf den jüdischen Staat, der Heimstatt von Millionen von „älteren Brüdern im Glauben“.
Der Autor ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen und wurde 2023 von „Medium Magazin“ zum Chefredakteur des Jahres gewählt.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









