Am Samstagabend enden die Internationalen Filmfestspiele Berlin mit der Vergabe des Goldenen und der Silbernen Bären durch die Jury unter Vorsitz von Wim Wenders. Schon vor der Entscheidung steht fest: Dieses Festival wird nicht nur wegen seiner Filme in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen der Auseinandersetzungen um Politik, Aktivismus und Antisemitismus.
Die Berlinale versteht sich seit ihren Anfängen im Kalten Krieg als politisches Festival. Stand früher das Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit im Mittelpunkt, prägen heute stärker tagespolitische Stellungnahmen und identitätspolitische Debatten das Bild. Bereits 2024 sorgte ein Protest „gegen rechts“ zur Eröffnung für Diskussionen. Im vergangenen Jahr löste Tilda Swinton Kontroversen aus, als sie bei der Verleihung des Goldenen Ehrenbären ihre Unterstützung für die BDS-Kampagne („Boycott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel bekräftigte.
Auch 2026 riss die Debatte nicht ab. Nachdem Wim Wenders auf eine Frage zum Gaza-Krieg erklärt hatte, das Festival müsse sich „aus der Politik heraushalten“, und Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle die Jury verteidigt hatte, reagierten mehr als 80 internationale Filmschaffende – darunter Tilda Swinton, Javier Bardem und Mike Leigh – mit einem offenen Brief. Sie warfen dem Festival „institutionelles Schweigen“ und Beteiligung an der „Zensur“ israelkritischer Künstler vor; Arundhati Roy sagte ihre Teilnahme ab. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wies die Vorwürfe zurück und betonte, die Berlinale sei keine politische NGO, sondern ein Ort offener Debatte.
Ein starker Eröffnungsfilm außerhalb des Wettbewerbs
Als Eröffnungsfilm lief – erneut außerhalb des Wettbewerbs – in der Reihe „Berlinale Special“ Shahrbanoo Sadats „No Good Men“, eine Koproduktion aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Afghanistan. Sadat führt Regie und spielt zugleich die Hauptfigur Naru, eine Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender Kabuls am Vorabend des US-Abzugs 2021.
Naru ist überzeugt, dass es in Afghanistan keine „guten Männer“ gibt – bis sie mit dem prominenten Fernsehjournalisten Qodrat zusammenarbeitet. Zwar springen die Unterschiede zwischen Spiel- und dokumentarischen Passagen mitunter zu deutlich ins Auge, doch der Film entwickelt beachtliche emotionale Kraft. Er verbindet seinen historischen Moment mit einer universellen Erzählung über Vertrauen, Desillusionierung und Hoffnung und setzt damit einen Trend fort, der immer häufiger zu beobachten ist: Koproduktionen aus sehr unterschiedlichen Ländern.
Der Wettbewerb: Kinderfiguren und viel Genre
Die kanadisch-italienisch-belgisch-bulgarische Produktion „Nina Roza“ von Geneviève Dulude-De Celles steht exemplarisch für den Trend zu weitgespannten Koproduktionen. Ein Kunsthändler kehrt nach 30 Jahren in seine bulgarische Heimat zurück und muss sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen –ein vertrautes Filmsujet. Im Mittelpunkt steht jedoch eine Achtjährige, ein Kunstwunderkind, dessen Bilder sich im Internet verbreiten.
Deutlich stärker geriet „Moscas“ von Fernando Eimbcke. Der mexikanische Film erzählt von der Annäherung einer älteren Frau und eines elfjährigen Jungen, der einen schweren Verlust verarbeiten muss. Eimbcke findet subtile Gesten und kluge Metaphern – etwa ein frühes Videospiel, denn der Film ist etwa zu Beginn des neuen Jahrhunderts angesiedelt –, um ohne sentimentale Überhöhung das universelle Thema der (doppelten) Trauerarbeit in eindringliche Schwarzweißbilder zu kleiden.
Londoner Drama mit emotionaler Dichte
Auch „Josephine“ (Regie: Beth de Araújo) setzt auf ein Kind als Hauptfigur. Die achtjährige Josephine wird Zeugin eines schweren Verbrechens und gerät psychisch aus dem Gleichgewicht. Der Film verbindet Familiendrama und Psychothriller: Nicht nur das Kind ist überfordert, sondern auch die Eltern, die entscheiden müssen, ob Josephine im Prozess aussagen soll. Daraus gewinnt das Drama beklemmende universelle Spannung.
Zu den stärksten Beiträgen zählt „Queen at Sea“ von Lance Hammer. Juliette Binoche spielt eine Frau, die ihren Stiefvater verdächtigt, ihre schwer demente Mutter sexuell missbraucht zu haben. Polizei und Behörden werden eingeschaltet, doch je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich die Perspektive. Hammer interessiert die Ambivalenz: Wer handelt übergriffig – der pflegende Ehemann oder ein Apparat, der Fürsorge in Kontrolle verwandelt? Das Londoner Drama entwickelt ohne vorschnelles Urteil eine große emotionale Dichte.
Weniger überzeugend ist ein weiterer Genrefilm, „Wolfram“ von Warwick Thornton. Die Handlung spielt im kolonialen Australien der 1930er-Jahre und folgt zwei Kindern auf der Flucht aus der Zwangsarbeit in Minen. Trotz eindrucksvoller Landschaftsbilder bleibt der Film dramaturgisch unausgegoren: Die Einführung von Figuren und Nebensträngen zieht sich, das Ende wirkt überraschend versöhnlich.
Wuchtiger Historienfilm
Als Historienfilm ragt der österreichische Film „Rose“ hervor. In der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg gibt sich Rose als Mann aus, um als vermeintlicher Hoferbe in einem protestantischen Dorf Fuß zu fassen. Aus der Betrugserzählung wird ein vielschichtiges Drama über Anpassung, Täuschung und Überleben in einer männerdominierten Ordnung. Karges Schwarzweiß und Sandra Hüllers Spiel, die Rose zugleich als brutale, unnahbare und schließlich auch verletzliche Figur gestaltet, verleihen dem Film große Wucht.
Der deutsche Beitrag „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch verlegt die Identitätsfrage in eine thüringische Kleinstadt nach der Wende. Die 16-jährige Lea soll für eine TV-Talentshow erklären, wer sie ist – und stößt auf die Widersprüche ihrer Familie und Herkunft. Trobisch erzählt ein offenes, oft irritierendes, zugleich humorvolles Familiendrama, das sich einfachen Botschaften verweigert.
Auch ein „Genrefilm“ über Homosexualität – ein Thema, das offensichtlich nicht fehlen darf: Der französisch-tunesische Film „À voix basse – In a Whisper“ von Leyla Bouzid führt nach Tunesien. Als die Ingenieurin Lilia zur Beerdigung ihres Onkels aus Paris zurückkehrt, gerät sie zwischen familiäre Erwartungen und ihr selbst bestimmtes Leben. Während sie den plötzlichen Tod des Onkels untersucht, entdeckt sie dessen verdrängte Homosexualität und wird gezwungen, auch ihre eigene lesbische Beziehung nicht länger zu verleugnen. In recht vorhersehbarer Manier „entlarvt“ der Film patriarchale Strukturen und Homophobie in Tunesien.
Zwei dokumentarische Arbeiten als Gegenakzent
„The Loneliest Man in Town“ porträtiert den Wiener Musiker Al Cook (Alois Koch), der nach dem Tod seiner Frau in einer Wohnung voller Bücher, Schallplatten, Fotos und Instrumente lebt – ein privates Archiv des Blues und eines vergangenen Lebens. Als eine Immobilienfirma den Abriss des Hauses vorantreibt, gerät seine letzte Zuflucht ins Wanken. Der Film verbindet skurrile Komik mit tiefer Melancholie und erzählt von Verlust, Vergänglichkeit und der Möglichkeit eines späten Neuanfangs.
„Yo (Love Is a Rebellious Bird)“ begleitet Anna, die nach dem Tod ihrer deutlich älteren Freundin Yo über zehn Jahre hinweg ein begehbares Modell von Yos Haus im Maßstab 1:3 baut. Der Film verschränkt intime Aufnahmen aus Yos letztem Lebensjahr mit Annas künstlerischer Rekonstruktion. Yo erscheint als radikal selbstbestimmte Frau, die gesellschaftliche Erwartungen an Sexualität, Mutterschaft, Alter und Sterben zurückwies. Der enorme gestalterische Aufwand beeindruckt; zugleich kippt das Projekt stellenweise in Selbstbespiegelung, die den Blick auf Yo eher verengt als öffnet.
Über die Preise der Internationalen Jury wird die „Tagespost” noch berichten.
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