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Mutterland und Wunderkind

Spanien ist heute Abend gegen England leicht favorisiert. Doch was heißt das schon. Der Ball ist schließlich rund.
EM-Finale Spanien gegen England
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Mit Spanien und England stehen sich zwei Ex-Kolonialmächte gegenüber, die sich in der Beherrschung der Welt gewissermaßen ablösten.

Hach, was war das schön! Ganz Deutschland vier Wochen im Fußballfieber. Bei Radtouren durch Brandenburg an spielfreien Tagen konnte man Rehkitze im Musiala-Outfit sehen. Und allmählich kamen auch diejenigen im Freundeskreis aus der Reserve, die sonst eher Tennis gucken. Oder Golf. Oder „Titel, Thesen, Temperamente“. Nun geht’s ins Endspiel. Ohne Deutschland.

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Das Finale der Fußball-EM bestreiten heute Abend in Berlin die Mannschaften aus Spanien und England. Wer das vor dem Turnier gesagt hätte, dem wäre Zustimmung sicher gewesen. Nach der Vorrunde hatte man aber zumindest England nicht mehr auf der Liste. Mit Last-Minute-Toren und Elfmetern mogelte sich das Southgate-Team durch die KO-Runde. Das Mutterland des Fußballs kann nun erstmals Europameister werden und damit den (erst) zweiten Titel überhaupt gewinnen, nach dem WM-Sieg 1966 im eigenen Land – und mit eigener Torlinientechnik.

Sie lösten sich in der Beherrschung der Welt ab

Mit Spanien und England stehen sich zwei Ex-Kolonialmächte gegenüber, die sich in der Beherrschung der Welt gewissermaßen ablösten. Nach der goldenen Ära der Spanier im 16. Jahrhundert folgte vom 17. bis 19. Jahrhundert der Aufbau des British Empire. Dabei spielte auch der Sport eine Rolle, sowohl bei der ideologischen Stützung imperialer Interessen als auch bei der Vorbereitung und Begleitung konkreter kolonialadministrativer Maßnahmen. Die Vermittlung von „westlichen“ Werten und Lebensformen fand im Sport besonderen Ausdruck.

Zugleich vertiefte Sport die Rassentrennung, abhängig von der jeweiligen Sportart. Während sich die Weißen aus der Oberschicht der Kolonialverwaltung in Afrika Mannschaftsspielen wie Rugby oder Cricket widmeten bzw. Individualsportarten wie Tennis oder Leichtathletik betrieben, war der Fußball der Sport der Afrikaner. Das erste Fußballspiel auf afrikanischem Boden fand am 26. November 1866 in Natal (Südafrika) statt. Es spielten Einheimische gegen Offiziere der englischen Garnison; das Ergebnis ist unbekannt.

Lamine Yamal kann sich selbst sein Geschenk machen

Das große Talent vieler Afrikaner für das Fußballspiel war eine echte Entdeckung. Einige Spieler versuchten gar, als Profis in England ihr Glück. Bereits 1889 bekam der erste Afrikaner in England einen Profivertrag: Arthur Wharton. Doch „Othello“, wie der Profi nach literarischem Vorbild genannt wurde, hatte trotz seines sportlichen Talents wenig Glück auf der Insel. Er galt als Kuriosität, diente der Belustigung der Zuschauer, starb schließlich verarmt und wurde schnell vergessen.

Apropos Talent – da war doch noch einer. Richtig, das spanische Wunderkind Lamine Yamal, der gestern 17 Jahre jung wurde, kann sich heute selbst sein Geschenk machen. In diesem Alter bereits einen großen Titel mit der Nationalmannschaft zu gewinnen, das gelang bisher nur Leuten wie Edson Arantes do Nascimento – Pelé. Nicht nur seinetwegen ist Spanien heute Abend leicht favorisiert. Doch was heißt das schon. Der Ball ist schließlich rund.

In den ehemaligen Kolonien Spaniens findet heute (bzw. in der Nacht zu Montag) übrigens auch ein Fußballspiel statt: Das Finale der Copa América zwischen Weltmeister Argentinien und Kolumbien, der südamerikanischen „Mannschaft der Stunde“. Es könnte das letzte große Turnier für Lionel Messi sein, den nicht wenige für den bislang besten Fußballer der Geschichte halten. Der hat übrigens im Jahr 2007 für einen Wohltätigkeitskalender ein Baby gebadet – den kleinen Lamine Yamal. So schließen sich Kreise. Und die sind bekanntlich auch rund.

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Josef Bordat

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