„Der Mensch wird erst frei, wenn er sich bindet.“ Romano Guardinis Wort trifft einen Punkt, der heute verdrängt, ja fast vergessen scheint. Denn der Zeitgeist – besser gesagt, der Ungeist unserer Zeit – erzählt uns etwas anderes. Nämlich, dass Pflicht und Verpflichtung Relikte der Vergangenheit sind, dass Freiheit pure Bindungslosigkeit sei. Er postuliert ein egozentristisches Weltbild.
Verantwortung war einst eine Ehre, heute gilt sie vielen nur als Zumutung. Wir leben in einer Zeit, in der man für vieles Verständnis aufbringt, außer für Pflicht, in der jeder Haltung fordert, möglichst jedoch von den anderen, in der jeder Rechte für sich reklamiert, während Verantwortung an anderer Stelle gesucht wird. Der moderne Mensch ist moralisch permanent empört, aber auffällig selten verantwortlich. Genau deshalb ist die eigentliche Kunst unserer Zeit nicht mehr die Verantwortung selbst, sondern die Kunst der Verantwortungsvermeidung. Sie besteht darin, Verantwortung so zu verschieben, zu zerlegen und zu verteilen, dass am Ende niemand mehr wirklich zuständig ist. Alle sind irgendwie beteiligt, aber keiner ist verantwortlich. Alle fühlen sich betroffen, aber keiner trägt die Konsequenzen.
Dieses Muster ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Erinnern wir uns an eine der ältesten Erzählungen des Glaubens: die Geschichte von Adam und Eva. Adam erhält von Gott das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, um im Paradies bleiben zu dürfen. Dann treten Eva und die Schlange auf den Plan – und aus einem einfachen Verbot wird ruckzuck ein komplexes Geflecht menschlicher Entscheidungen. Eva kann nicht widerstehen und greift nach der Frucht, Adam kann der Versuchung ebenfalls nicht widerstehen. Am Ende beginnt die erste große Zuständigkeitsverschiebung der Menschheitsgeschichte: Adam gibt Eva die Schuld – und auch ein wenig Gott selbst, der ihm die Frau gab; Eva beschuldigt die Schlange. Und die Schlange schweigt – was in solchen Situationen oft die schlauste Strategie ist.
Aus Schwäche wurde Kompetenz
Die erste Reaktion war also schon damals nicht Verantwortungsübernahme, Einsicht und Reue, sondern Abwehr und Verschiebung. Dieses Muster wirkt bis heute fort. Doch es hat eine bemerkenswerte Wandlung erfahren: Was einst als menschliche Schwäche galt, wird heute zunehmend als gesellschaftliche Kompetenz kultiviert. Verantwortung wird nicht mehr übernommen, sondern verteilt. Schuld wird nicht mehr getragen, sondern analysiert. Zuständigkeit wird nicht mehr gesucht, sondern dekonstruiert.
Mitunter entsteht der Eindruck, als sei die Verantwortungsvermeidung zum goldenen Kalb der Gegenwart geworden. Kaum jemand verehrt sie ausdrücklich, doch immer mehr Menschen tanzen um sie herum. Wer Verantwortung relativiert, gilt als differenziert. Wer Zuständigkeiten auflöst, als reflektiert. Wer Schuld in Strukturen verdünnt, als besonders aufgeklärt. Am Ende bleibt von der Verantwortung oft nur eines übrig: die Forderung, dass sie bitte jemand anderes übernehmen möge.
Nicht jede Erklärung ist eine Entlastung
Die Sprache hat sich geändert, die Mechanismen nicht. Wo früher Eva und die Schlange herhalten mussten, treten heute Systeme, Umstände, Prozesse, gesellschaftliche Dynamiken oder historische Bedingungen an ihre Stelle. Gewiss: Nicht jede Schuld ist individuell, nicht jedes Problem auf persönliches Versagen zurückzuführen. Doch die moderne Versuchung besteht darin, in jeder Erklärung zugleich eine Entlastung zu suchen. Verantwortung wird dadurch nicht abgeschafft. Sie wird lediglich so lange weitergereicht, bis niemand mehr weiß, bei wem sie eigentlich liegt. Darin besteht die Meisterschaft der gesellschaftlichen Verantwortungsvermeidung: Alle sind beteiligt, alle sind betroffen, alle haben gute Gründe – und am Ende war es niemand.
Ein Muster, das sich als liberaler Zeitgeist tarnt, in Wahrheit aber Werte, Prinzipien und damit Orientierung ersetzt. Orientierung und Haltung entstehen nicht im Götzendienst an der Befindlichkeit, sondern in Urteilskraft, Differenzierung und Verantwortung. Wo diese Orientierung verloren geht, entsteht ein Kampf um Aufmerksamkeit statt um Wahrheit. Nicht das bessere Argument zählt, sondern die stärkere Erregung. Nicht Inhalt, sondern Lautstärke. So fühlt sich unsere Öffentlichkeit wie eine große Arena an, in der nicht mehr die Wahrheit zählt, sondern der lauteste Applaus, nicht das richtige Argument, sondern die extremste Meinung und der brutalste Angriff. Wie Gladiatoren im Kolosseum stürzen sich Gruppen aufeinander, attackieren sich gegenseitig und messen sich in Lautstärke, Unterstellungen, Übertreibungen, Untergriffen und wilden Verschwörungstheorien – während Fakten, Vernunft und Hausverstand auf der Strecke bleiben.
Wir sehen eine Gesellschaft, in der immer weniger der Inhalt zählt, dafür immer mehr die Verpackung, immer weniger zeitlose Werte und Prinzipien, dafür immer mehr Zeitgeist und Ideologie. Am bedenklichsten ist, dass der ideologische Furor immer häufiger gezielt die Wehrlosen ins Visier nimmt, jene, die wir am entschlossensten schützen müssten: unsere Kinder. Ein aktuelles Beispiel sind die Vorfälle in einer sächsischen Schule, in der zwei „non-binäre“ Mitarbeiter eines Theaterprojektes nicht nur von den Kindern verlangten, sich mit einem „Pronomen“ statt mit ihren Namen vorzustellen, sondern ihnen angeblich auch noch pornografisches Bildmaterial von Homosexuellen zeigten – ohne Wissen und Zustimmung der Eltern. Solche ideologisierten Experimente sind längst kein pädagogisches Orchideenthema mehr, sondern entwickeln sich zu einer gesellschaftlichen Herausforderung, die in letzter Konsequenz auch die Stellung der Familie und das Erziehungsrecht der Eltern systematisch auszuhöhlen droht.
Bequemlichkeit geht mit Feigheit einher
Diese Entwicklung ist Ausdruck einer Kultur, in der jede Irritation sofort als Verletzung gilt. Das Leben kann hart sein, man kann nicht immer nur gewinnen. Es gibt auch kein Menschenrecht darauf, nicht beleidigt, verletzt oder enttäuscht zu werden. In unserer Gesellschaft wird systematisch jenes Wertefundament untergraben, das uns zusammenhält, Orientierung gibt und Identität stiftet. Wer den Mechanismus solcher Entwicklungen durchschaut, erkennt, wie sie Gemeinschaften und Gesellschaften destabilisieren.
Verantwortung verliert in der Politik nicht nur Tiefe, sondern auch zeitliche Weite. Der Horizont politischer Entscheidung reicht zunehmend kaum über die nächste Wahl hinaus, manchmal nur bis zur nächsten Schlagzeile oder Pressekonferenz. Damit verliert Politik ihren eigentlichen Auftrag: das Über-den-Tag-Hinausdenken, das Überspannen von Generationen, das Verbinden von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aus Verantwortung wird taktisches Reagieren, aus Gestaltung kurzfristiges Management. Warum das so ist? Weil fast nur Politiker an die Macht kommen, aber immer seltener Staatsmänner. Winston Churchill hat diesen Gegensatz prägnant formuliert: „Ein Politiker denkt an die nächste Wahl, ein Staatsmann an die nächste Generation.“
Die eigentliche Kunst unserer Zeit besteht nicht darin, Verantwortung zu übernehmen, sondern diese möglichst elegant zu vermeiden. Nicht durch Verzicht, sondern durch Verschiebung, nicht durch ein ehrliches Nein, sondern durch Zuständigkeitsdiffusion, nicht durch Mut zur Entscheidung, sondern durch Unverbindlichkeit. Darin zeigt sich die neue Bequemlichkeit und nicht selten auch die Feigheit unserer Zeit: Verantwortung ist immer irgendwie da, aber nie wirklich bei einem selbst.
Der Autor ist Prokurator des „St. Georgs-Orden – Ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen“.
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