Was ist unser Anfang? Ich meine damit: Worin besteht der Zusammenhang unserer Kultur und Geschichte, in den wir hineingeworfen sind? Zu Recht wird die Wiege Europas bei den Griechen verortet und als ältester jener griechischen Philosophen, deren Wort uns erhalten geblieben ist, gilt Anaximander. Tatsächlich haben wir von ihm nur einen einzigen, fragmentarischen Satz überliefert: „Woraus die Dinge entstanden sind, darin müssen sie auch wieder vergehen nach dem Schicksal; denn sie müssen Buße und Strafe zahlen für die Schuld ihres Daseins nach der Ordnung der Zeit.“ Kann denn Schuld der Anfang unseres Weges sein? Nun, früher oder später wird man schuldig – am Nächsten, an Gott oder an sich selbst. Jedes Mal ist das ein neuer Anfang, denn Schuld birgt ja in sich die Aufgabe zur Buße – die Haltung jenes Menschen, der den schmerzlichen Verlust einstiger Würde nicht akzeptiert; der sich – mit Kierkegaard gesprochen – nicht der großen Verzweiflung ergibt, nicht zu sein, wer er ist.
Unmögliche Liebe
Aber das ist nicht alles, denn der christlichen Schuld geht die Liebe eines anderen voraus. Und Liebe wäre es ja nicht, wenn sie nur das ohnehin Liebenswürdige lieben würde: Erst dadurch wird die Liebe zum göttlichen Wunder, dass sie das unliebbar Gewordene liebt. Doch als Antwort fordert sie unser Leben: Gekreuzigte Liebe neigt sich hinab in unsere Schuld und spricht wie einst zur heiligen Teresa: „Noch einmal würde ich die Welt erschaffen, erleiden und erlösen, um dich nur sagen zu hören, dass du mich liebst.“ Das ist göttliche Liebe, dass die ganze Weltgeschichte dem einen Zwecke unterstellt wird, dass in der dunkelsten Selbstverzweiflung einer einzigen Seele das Kreuz aufleuchten darf; denn die Geschichte des Heils ereignet sich nicht um uns, sondern in uns. Das Herz wird zum Schauplatz des Weltendramas; die Buße wird zur Antwort auf vorhergehende Liebe, wird selbst Liebe im Vollzug.
So macht Schuld die größere Liebe möglich und löst den alten Widerspruch des Themistokles: „Wir wären verloren, wenn wir nicht verloren wären.“ Schämen wir uns nicht der Schuld. Schämen wir uns lieber Lüge, sie nicht anzuerkennen. In der Wahrheit leben kann ein Mensch ja nur, wenn er sein Inneres nach außen kehrt, wenn er nicht als selbstgemachte Hülle für andere lebt. Darin besteht die Wahrheit der schicksalhaften These Bergengruens, dass des Menschen Vollkommenheit nur im Glauben an seine Unvollkommenheit bestehen kann. Dieser Anfang ist schwer. Aber es ist der Anfang eines Weges, der die Schiffbrüche und Unfälle einer Lebensgeschichte letztendlich trägt und erträglich macht, denn in der Ewigkeit wird kein Unterschied mehr sein zwischen Geschichte und Erfahrung: Alles Scheitern und Streben und Leiden und Lieben verpufft ja nicht vor Gott, sondern erscheint uns als die Antwort, die ihm zu geben wir versucht haben. Oder in den Versen Mahlers: „O glaube, mein Herz, o glaube: Es geht dir nichts verloren! Dein ist, ja dein, was du gesehnt, dein, was du geliebt, was du gestritten! O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren! Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!“
Der Autor studiert an der päpstlichen Universität Angelicum in Rom.
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