Das 1972 erschienene Album „Wir haben einen Traum/Unser Leben sei ein Fest“ von Peter Janssens gilt als ein Meilenstein des Musikgenres „Neues Geistliches Lied“ (NGL) – und ist begehrt bei Plattensammlern, nicht etwa nur aus religiösem Interesse, sondern weil die Janssens-Alben der frühen 1970er-Jahre stark von jener spezifisch deutschen Abart des Psychedelic- und Progressive-Rocks geprägt sind, für die zeitgenössische Musikjournalisten die Bezeichnung „Krautrock“ ersannen. Eines der markantesten Stücke des Albums heißt „Der Tod ist ein Chamäleon“: Der vom damaligen Bamberger Diözesanjugendseelsorger und späteren Generalvikar Alois Albrecht verfasste Liedtext stellt verschiedene Formen des Todes – Tod durch Krieg, durch Verbrechen, durch Armut – einander gegenüber; die letzte Strophe widmet sich dem Phänomen, dass gerade in der Wohlstandsgesellschaft „die Selbstmordziffern steigen“, und führt es zurück auf einen Überdruss an scheinbar grenzenlosen Konsum-Optionen bei gleichzeitigem Mangel an Sinn und Orientierung.
Autonomie als höchster Wert
Diese Wahrnehmung des Selbstmords als Symptom eines existenziellen Mangels steht in entschiedenem Widerspruch zu der in der euphemistischen Bezeichnung „Freitod“ zum Ausdruck kommenden Deutung des Suizids als ultimativer Akt menschlicher Selbstbestimmung – eine Auffassung, die schon seit der Antike geläufig ist und in neuerer Zeit Debatten über die Legalisierung von Sterbehilfe, medizinisch assistiertem Suizid oder Tötung auf Verlangen prägt. Ist es möglich, dass sich im Wunsch eines Menschen, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, beide Motive miteinander vermischen? Versteckt sich das eine hinter dem anderen? In den Krankenhaustagebüchern der 1977 an Krebs gestorbenen DDR-Schriftstellerin Maxie Wander platzt mitten in Bekundungen von Lebenswillen und sogar Lebenslust der Gedanke hinein: „Man müsste seinen Tod in der Hand haben, selber entscheiden können, wann, wie und wo man sich auf die Socken macht.“ So als sei das eigentlich Beunruhigende am Tod der Umstand, dass er den Menschen damit konfrontiert, sein eigenes Schicksal nicht in der Hand zu haben.
Nicht umsonst ist Selbstmord von jeher und bis heute die klassische Todesart des Hochstaplers: Ist der Versuch, die eigene, als unbefriedigend erlebte Biografie in einem Akt der Selbstschöpfung durch eine fiktive zu ersetzen, aufgeflogen und damit gescheitert, erscheint der selbstgewählte Tod als letzte Möglichkeit, die Verfügungsgewalt über die eigene Existenz zurückzugewinnen. Man könnte daran die Frage knüpfen, ob der Hang zur Hochstapelei nicht der atheistischen Postmoderne, die Autonomie und Selbstverwirklichung als höchste, aber letztlich unerreichbare Güter anpreist, zu einem gewissen Grad inhärent ist. Hier könnte eine Aufgabe für ein christliches Zeugnis gegenüber der säkularen Gesellschaft liegen: sich dazu zu bekennen, dass unser Leben in letzter Konsequenz nicht unser Eigentum ist – dass wir es aus Gottes Hand erhalten haben und es am Ende auch wieder in Gottes Hand zurückgeben sollen.
Der Autor schreibt als promovierter Geisteswissenschaftler zu Zeitfragen und betreibt einen Blog.
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