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Der Diskurs, das bin ich!

Carolin Emcke fordert das Ende von Pro/Contra-Formaten und offenbart dabei ein totalitäres Diskursverständnis.
Die Autorin Carolin Emcke
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Das Format von Pro und Contra gehöre aus dem medialen Raum verbannt. Wer zu einer solchen „Rahmung“ eingeladen werde, solle unbedingt absagen, so der Appell Emckes.

Im Rahmen der Berliner Konferenz „re:publica“, die sich als „Festival für die digitale Gesellschaft“ versteht, hat die Autorin Carolin Emcke vor wenigen Tagen aufsehenerregende Aussagen getätigt: Das Format von Pro und Contra gehöre aus dem medialen Raum verbannt. Wer zu einer solchen „Rahmung“ eingeladen werde, solle unbedingt absagen, so der Appell Emckes.

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Ihre Begründung: Das Pro/Contra-Format suggeriere, dass es zu allen Themen „gleichwertige und gleichermaßen vernünftige Positionen“ gebe. Das sei „einfach Bullshit“ und führe zur „Spaltung der Gesellschaft“, die danach beklagt werde. Das Publikum brach in zustimmenden Applaus aus und auch Emckes Gesprächspartnerin, die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert, zeigte sich begeistert.

Bereit sein, sich immer wieder neu zu hinterfragen

Das Statement Emckes, die 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, offenbart – man muss es so deutlich sagen – ein totalitäres Diskursverständnis. Dem Sonnenkönig Ludwig XIV. wird (wohl fälschlicherweise) der Satz zugeschrieben: L’état, c’est moi – Der Staat, das bin ich. Was Emcke unter dem Strich sagt, ist: Der Diskurs, das bin ich. Die Wahrheitssuche aber lebt von der Kontroverse, dem Wettstreit der Ideen und dem systematischen Austausch von Argumenten in Form von Rede und Gegenrede.

Die Wahrheit selbst ist nicht relativ, sondern absolut. Das heißt, sie besteht unabhängig von unseren Meinungen. Jeder endliche Denker aber, und das sind wir alle, ist fehlbar. Das heißt nicht, dass wir die Wahrheit nicht erkennen können, aber wir müssen uns um sie bemühen und bereit sein, uns immer wieder neu zu hinterfragen. Entscheidend bei der Wahrheitssuche ist, sich den Einwänden und Gegenargumenten jener zu stellen, die anders denken als wir. Nur in der kollektiven – rationalen – Auseinandersetzung können wir uns ernsthaft der Wahrheitssuche verschreiben. Wer sich hingegen den abweichenden Ansichten anderer versperrt, ist dazu verdammt, auf ewig im eigenen Meinungssaft zu schmoren.

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